In dieser Episode des Theoriepodcasts stellt Alex Demirović gemeinsam mit dem Forstwissenschaftler Oliver Pye das Buch „Kapitalismus im Lebensnetz“ des Soziologen und Historikers Jason W. Moore vor. Die Diskussion dreht sich um die zentrale These, dass der Kapitalismus nicht von außen auf eine passive Natur einwirke, sondern selbst Teil des Lebensnetzes sei und dieses auf spezifische, krisenhafte Weise organisiere. Die im Podcast verhandelte Grundannahme ist, dass die in Naturwissenschaft und Ökonomie tief verankerte gedankliche Trennung von „Gesellschaft“ und „Natur“ – der sogenannte kartesianische Dualismus – ein Hauptproblem sei, weil sie die tatsächlichen Verflechtungen und gegenseitigen Prägungen verdeckt. Besonders hervorgehoben wird Moores Konzept der „billigen Natur“, wonach Kapitalismus darauf angewiesen sei, Arbeitskraft, Nahrung, Energie und Rohstoffe möglichst günstig aneignen zu können, ein Prozess, der an seine inneren Grenzen stoße, sobald diese Natur immer teurer erschlossen werden müsse.
Zentrale Punkte
- Dualismus als Kernproblem Moore kritisiere, dass selbst die marxistische Theorie oft einer Trennung von Gesellschaft und Natur folge. Er argumentiere dagegen für ein Verhältnis der Immanenz: Mensch und Gesellschaft seien Natur und stünden ihr nicht äußerlich gegenüber; sie bildeten vielmehr eine Einheit der Koproduktion.
- Billige Natur als Akkumulationsgrundlage Kapital sei existenziell auf „billige Natur“ angewiesen – Arbeitskräfte, Nahrung, Energie, Rohstoffe. Die Notwendigkeit, diese stets neu zu finden und zu kartographieren, sei ein zentraler Motor der Geschichte des Kapitalismus, nicht etwa nur eine Reaktion auf Überproduktionskrisen.
- Epochale Krise durch Unterproduktion Die Grenze des Kapitalismus liege nicht in einer Erschöpfung der Natur, sondern im Sinken des ökologischen Surplus: Es werde für das Kapital zunehmend teurer und schwieriger, sich Natur so anzueignen, dass sie profitabel verwertbar bleibe. Dies führe zu einer tiefgreifenden, epochalen Krise, für die Moore den Begriff Kapitalozän vorschlage.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der dichten und nachvollziehbaren Aufbereitung eines anspruchsvollen theoretischen Werks. Demirović gelingt es, Moores komplexe Argumente – von historischen Landschaftsveränderungen bis zur Rolle der Kohle als historischem Akteur – anschaulich zu erklären. Besonders überzeugend ist die Darstellung, wie das Konzept der „billigen Natur“ die Akkumulationslogik nicht als ein der Natur Äußerliches, sondern als deren innere, organisierende Kraft verstehbar macht. Die historische Perspektive auf verschiedene Phasen der Wald- und Landnutzung verankert die Theorie konkret in der Geschichte.
Kritisch bleibt, dass die Diskussion fast ausschließlich auf der Ebene von Moores Text verbleibt und Leerstellen nicht konfrontiert. Die bedeutende Zeitdiagnose der „Großen Beschleunigung“ ökologischer Zerstörung seit 1950 wird zwar kurz benannt, aber nicht in ihrem Widerspruch zu Moores Betonung einer sehr langen Krisengeschichte seit 1500 vertieft. Zudem wird die Idee der Natur als „Aktant“, obwohl eingangs erwähnt, nicht operationalisiert – es bleibt unklar, wie genau nichtmenschliche Faktoren wie Kohle oder Kartoffeln gesellschaftliche Verhältnisse „mitprägen“, was jenseits metaphorischer Rede wissenschaftlich schwer fassbar ist. „Moore hat die Vorstellung, auch die Natur ist Arbeit, Energie, ist koproduktiv“ – diese Stelle illustriert eine starke These, deren konkrete Untersuchungsmethode im Gespräch nicht beleuchtet wird.
Sprecher:innen
- Alex Demirović – Politikwissenschaftler, Vertreter der Kritischen Theorie und Moderator
- Oliver Pye – Forstwissenschaftler und Gast in dieser Episode