Die virale Szene, in der Absolvent:innen der University of Central Florida eine Rednerin gnadenlos ausbuhen, weil sie KI als "nächste industrielle Revolution" preist, ist für Brian Merchant mehr als nur ein Internet-Clip. Er sieht darin ein perfektes Sinnbild für die tiefe Klassenspaltung, die den gesellschaftlichen Diskurs über Künstliche Intelligenz prägt. Auf der einen Seite steht die Vizepräsidentin für "Strategische Allianzen", die eine hohle Phrase aus der Tech-Branche rezitiert. Auf der anderen Seite stehen junge Menschen, die in einen der miserabelsten Arbeitsmärkte für Berufseinsteiger:innen seit fast vier Jahrzehnten entlassen werden und sehr genau verstehen, dass "industrielle Revolution" für sie vor allem den Verlust von Perspektiven bedeutet.
Merchant nimmt den Vorfall zum Anlass, den momentan populären Begriff des "KI-Populismus" auseinanderzunehmen, der von der Anthropologin Jasmine Sun geprägt wurde. Sun definiert diesen als Weltanschauung, die KI als ein elitäres, sinistres Projekt von Milliardären betrachtet, das einer unwilligen Öffentlichkeit aufgezwungen wird. Merchant hält diesen Analyseansatz jedoch für irreführend und sogar herablassend. Er argumentiert, dass die breite Ablehnung von KI nicht aus einer neuen, verschwörungstheoretischen Weltanschauung entspringt. Vielmehr handele es sich um eine völlig rationale Reaktion auf ein bereits existierendes, zutiefst ungerechtes System. Die Technologie werde nicht als isolierter Sündenbock gesehen, sondern als die neueste und brutalste Manifestation eines entfesselten Kapitalismus, der existierende Ungleichheiten massiv beschleunigt.
Der Autor stellt die zentrale Frage: Wer profitiert eigentlich von der KI-Revolution? Seine Antwort ist eine bittere Bilanz der Umverteilung von unten nach oben. Während kreative Branchen wie die Kunst-, Unterhaltungs- und Spieleindustrie austrocknen und eine Studie sinkende Einkommen für Künstler:innen belegt, häufen Tech-Führungskräfte unvorstellbare Reichtümer an. Merchant verweist auf die Prozessakten im Rechtsstreit Musk gegen OpenAI, die enthüllten, dass Co-Gründer Greg Brockmans Anteil unglaubliche 30 Milliarden Dollar wert ist. Er beschreibt den Fall von Matt Gallagher, der die erste "Ein-Personen-Milliarden-Dollar-Firma" aufbaute, indem er ein vollautomatisiertes Gesundheitssupplement-Geschäft betrieb, das mit gefälschten KI-Arzt-Profilen und erfundenen Patientenberichten arbeitet und nun Ziel einer Sammelklage und der FDA ist.
Weiter führt er aus, wie KI die Spielregeln selbst auf vermeintlich demokratischen Märkten wie Vorhersageplattformen und im Online-Poker aushebelt, wo eine winzige Elite von 0,1 Prozent aller Konten zwei Drittel aller Gewinne abschöpft. Das Resultat, so ein von ihm zitierter Analyst, sei keine Demokratisierung der Erträge, sondern eine exponentielle Steigerung der Ungleichheit, bei der fast alle anderen nur noch als Liquiditätslieferanten dienen. "Unter dem Druck der KI-Prävalenz", heißt es, "ebben Märkte sich nicht ein – der Renditegradient steilt sich zu einer Klippe auf."
Einordnung
Mercants Analyse ist eine pointierte und faktenreiche Verurteilung des KI-Booms als Klassenkampf von oben. Die Stärke des Textes liegt in der konsequent materialistischen Sichtweise: Er fragt nicht nach den ethischen Dilemmata neutraler Werkzeuge, sondern direkt nach den sozioökonomischen Macht- und Besitzverhältnissen. Indem er den Diskurs vom abstrakten "KI-Populismus" auf die konkrete Frage umlenkt, wessen Arbeit entwertet und wessen Vermögen aufgeblasen wird, entlarvt er die Position der Tech-Befürworter:innen als interessengeleitet. Die implizite Annahme ist, dass jede Technologie unter kapitalistischen Bedingungen primär ein Disziplinierungs- und Ausbeutungsinstrument sein muss. Dies führt zu einer argumentativen Geschlossenheit, die zwar keine alternativen Entwicklungspfade aufzeigt, aber genau dadurch eine klare und wirksame Gegenerzählung zum vorherrschenden Techno-Optimismus liefert und die Wut der Studierenden als völlig rational einordnet.
Der Newsletter ist ein essenzielles und kämpferisches Korrektiv zu den PR-Phrasen der Tech-Industrie. Lesenswert ist er für alle, die den zunehmenden Backlash gegen KI nicht als irrationale Technikfeindlichkeit missverstehen, sondern als tiefsitzende politische und ökonomische Gegenwehr begreifen wollen. Für überzeugte Anhänger:innen eines marktliberalen Fortschrittsglaubens dürfte die einseitig antikapitalistische Rahmung jedoch abschreckend wirken.