Lisa Ortgies spricht mit Jil Rieger über die versteckte Sucht, die in Beziehungen entsteht, wenn eine Person süchtig ist und die Partnerin zur Co-Abhängigen wird. Rieger erzählt, wie sie sich mit 25 Jahren in einen Mann verliebte, der gerade seine ambulante Suchttherapie beendete, und wie sie zunächst als „Sonnenschein“ und Retterin fungierte, bis sie selbst in einem Abhängigkeitsmuster steckte. Sie beschreibt, dass die Sucht nicht nur den Betroffenen betrifft, sondern auch die Partnerin, die sich aufopfert, kontrolliert und schließlich krank wird. Rieger arbeitet heute als Coach mit Frauen, die aus solchen Beziehungen herausfinden wollen.
1. Co-Abhängigkeit als „gesellschaftlich anerkannte Form“
Rieger berichtet, dass das Mit-Leiden und Aufopfern in Beziehungen oft als tugendhaft gilt: „Wie oft habe ich damals von der Schwester oder der Mutter gehört, als er dann wieder rückfällig war, wie kann denn nur eine so wundervolle Frau, die so viel aushält, die alles für ihn macht, so hängen lassen?“ Diese Bestätigung habe sie darin verstärkt, weiter in der Rolle der Retterin zu bleiben.
2. Die Sucht des Partners wird zur Sucht der Partnerin
Sie beschreibt, dass nicht nur der abhängige Partner süchtig sei, sondern auch die Co-abhängige Person: „Ich spreche dann immer von dem Suchtsystem … beide Parteien bedienen sich der gleichen Merkmale.“ Die Partnerin entwickle eine Abhängigkeit vom Partner und dessen Erhalt, ähnlich wie ein Suchtbetroffener von seiner Droge.
3. Verlust der eigenen Wahrnehmung durch Schuld und Kontrolle
Rieger erinnert sich, dass sie ihre eigene Wahrnehmung ständig infrage stellte: „Ich war ja ohnehin irgendwo davon tief in mir überzeugt, dass meine Wahrnehmung falsch ist … wenn ich die Dinge anspreche … dann verärgere ich jemanden.“ Diese Verunsicherung führte dazu, dass sie sich selbst klein machte und die Realität verdrängte.
4. Trennung als Entzug mit körperlichen Symptomen
Nach der Trennung habe sie Entzugssymptome erlebt: „Ich wollte die Trennung nie … es wurde mir auch von außen vermittelt, dass wenn ich mich dann trenne, mir ja doch besser ginge … es war mir nach der Trennung erstmal noch viel viel schlechter gegangen und ich wirklich wie Entzugssymptome gezeigt habe.“
5. Gesellschaftliche Rollenbilder fördern Co-Abhängigkeit
Rieger kritisiert, dass traditionelle Frauenbilder Co-Abhängigkeit begünstigen: „Diese Idealisierung der guten Frau oder der guten Mutter und dieses immer irgendwie verfügbar zu sein … die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen.“ Diese Rollen würden oft unreflektiert weitergegeben.
Einordnung
Der Podcast bietet keine journalistische Aufarbeitung, sondern ein empathisches Gespräch mit einer Expertin aus eigener Betroffenheit. Die Moderation bleibt auf Verständnis und Bestätigung fokussiert, stellt aber kaum kritische Nachfragen. Die gesellschaftlichen Ursachen von Co-Abhängigkeit – wie geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen – werden zwar benannt, aber nicht weiter hinterfragt. Es fehlen externe Stimmen, etwa von Suchtmediziner:innen oder Sozialarbeiter:innen. Die Sendung wirkt eher wie ein Selbsthilfeangebot denn wie kritische Berichterstattung. Wer tiefergehende Analysen oder differenzierte Perspektiven sucht, wird hier kaum fundiert. Für Betroffene ist die Folge jedoch emotional aufschlussreich und entlastend – eine Hörer:innenwarnung ist nicht nötig, eine differenzierte Hörer:innenempfehlung schon.