In dieser Folge von „Die Filmanalyse“ widmet sich Wolfgang M. Schmitt Sergio Leones letztem Film „Es war einmal in Amerika“. Schmitt liest das knapp vierstündige Epos nicht als Gangsterballade, sondern als politökonomisches und ästhetisches Manifest. Der Film, so die zentrale These, dekonstruiere den amerikanischen Traum vom Aufstieg, indem er das Prinzip der „Rackets“ sichtbar mache – jener Schutz- und Herrschaftsverbände, die der Philosoph Max Horkheimer als Kern auch legaler Machtstrukturen beschrieb. Die vom Podcast als selbstverständlich gesetzte Prämisse: Gerade die monumentale Schönheit von Morricones Musik und Leones Bildern entlarve die Unmöglichkeit, die blutige Wirklichkeit Amerikas zu romantisieren.
Zentrale Punkte
- Musik als gescheiterte Romantisierung Ennio Morricones spätromantische Musik sei nicht bloß Untermalung, sondern ein ständiger Versuch der Verklärung, der an der Brutalität der gezeigten Gewalt scheitere. Das wiederkehrende, fragil endende „Deborah-Thema“ erzähle von einer Liebe, die sich nie einlöse und von einer Vergangenheit, die nicht golden sei.
- Die Rackets als Systemkritik Der Film zeige, wie sich die Herrschaft der Gangster von der Straße nahtlos in Gewerkschaften und schließlich in die hohe Politik verschiebe. Aus der Racket-Herrschaft, so Horkheimer, gebe es keinen einfachen Ausweg; der Film leiste dies durch radikale Negation, etwa in den expliziten Vergewaltigungsszenen, die die Sehnsucht nach einer Gesellschaft ohne Faustrecht spürbar mache.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der dichten, theoretisch fundierten Verbindung von Ästhetik und Kritik. Schmitt argumentiert sehr präzise, wie sich durch die nicht-chronologische Erzählweise und die zeitebenen-übergreifende Musik ein „tieftrauriges Erinnerungskino“ entfaltet, das die Zuschauenden systematisch desillusioniere. Die Ausführungen zum Verhältnis von legaler und illegaler Herrschaft sind gedanklich scharf und bieten einen seltenen, gehaltvollen Zugang zum Genre. Die Analyse bleibt jedoch fast vollständig in der Logik einer männlich codierten politischen Ökonomie verhaftet. Die beiden minutenlangen Vergewaltigungen, die der Film explizit zeigt und auf die Schmitt ausführlich eingeht, werden zwar als Zeichen der „Negation“ des Faustrechts gedeutet. Was fehlt, ist der Blick darauf, dass die weibliche Perspektive der Opfer erneut nur als Folie für die moralische Entwicklung der männlichen Protagonisten dient – eine Leerstelle, die gerade bei dieser Thematik schmerzt.
Hörempfehlung: Lohnt für alle, die eine kluge, ungewöhnlich tiefgehende Filmanalyse jenseits von Inhaltswiedergabe suchen und sich für die Verzahnung von Kapitalismuskritik und Kinoästhetik interessieren.
Sprecher:innen
- Wolfgang M. Schmitt – Filmanalytiker und Podcaster, bekannt für ideologiekritische Lesarten