Mit „Trink aus, wir müssen gehen!“ verabschieden sich die Toten Hosen nach 44 Jahren von der regulären Albumproduktion. Matze Hielscher spricht mit Campino über diesen bewussten Schnitt, die Arbeit am letzten Album und das Verhältnis zu jüngeren Künstlern wie Kolja von den Antilopen.
Das Gespräch kreist um die Frage, wie eine Band, die sich als demokratisch und eng verbunden versteht, ein Ende findet, das nicht alle gleichermaßen wollen. Dabei wird das Aufhören als ein Akt künstlerischer Selbstbestimmung dargestellt – man wolle den richtigen Moment erwischen, bevor die Kraft nachlässt. Gleichzeitig zieht sich eine Spannung durch das Gespräch: zwischen dem Wunsch, professionell und kontrolliert zu bleiben, und dem Eingeständnis, dass einen der Abschied dann doch unerwartet trifft. Professionalität wird dabei eng an emotionale Beherrschung gekoppelt – auf der Bühne, im Studio, im Umgang miteinander.
Zentrale Punkte
- Ende als rationale Entscheidung Das Bandende wird als Ergebnis eines längeren, demokratischen Prozesses beschrieben, nicht als emotionaler Impuls. Man habe sich bewusst dafür entschieden, um einem schleichenden Bedeutungsverlust zuvorzukommen. In der Band sei die Entscheidung umstritten gewesen, aber respektiert worden – ein Veto habe niemand eingelegt.
- Emotionale Distanz als Arbeitsprinzip Während des kreativen Prozesses seien Sentimentalitäten ausgeblendet worden. Erst beim finalen Abhören habe es Campino „erwischt“ – ein Moment, den er mit seinem Kirchenaustritt vergleiche. Im Proberaum hingegen herrsche weiterhin Routine: Keiner spreche darüber, wie es ihm mit dem Ende wirklich gehe; man konzentriere sich auf die technische Perfektion.
- Jüngere als Korrektiv auf Augenhöhe Die Zusammenarbeit mit jüngeren Künstlern wie Kolja von den Antilopen oder dem Textpartner Marten wird als essenziell beschrieben. Campino betont, dass er sie nie als Fans, sondern als gleichwertige Partner gesehen habe. Das Generationenverhältnis verschiebe sich im Laufe des Lebens: Alter werde zunehmend irrelevant, wenn man sich auf einer seelischen Ebene begegne.
- Persönliches als universelles Angebot Songs über den eigenen Sohn oder die eigene Vergangenheit dienten nicht der Selbsttherapie, sondern müssten so geschrieben sein, dass andere sich darin wiederfinden. Als Ideal wird Elton Johns gefasster Auftritt bei Lady Dis Beerdigung genannt: Nur wer selbst kontrolliert bleibe, erlaube dem Publikum, emotional berührt zu werden.
Einordnung
Die Episode gewährt einen ungeschönten Blick in das Innere einer Band, die seit Jahrzehnten öffentlich präsent ist und sich nun aus eigener Entscheidung zurückzieht. Campino beschreibt den kreativen Prozess und das Ringen um das letzte Album mit bemerkenswerter Offenheit – etwa wenn er eingesteht, die Platte selbst noch gar nicht beurteilen zu können. Diese Ehrlichkeit ist eine Stärke, denn sie zeigt, wie wenig selbstverständlich künstlerisches Gelingen selbst für erfahrene Musiker ist. Auch die Reflexion über generationenübergreifende Freundschaften und den schwindenden Stellenwert von Altersunterschieden verleiht dem Gespräch Tiefe.
Auffällig ist jedoch, wie stark das Gespräch von einer Logik der emotionalen Zurückhaltung durchzogen bleibt. Dass im Proberaum „keine Sentimentalitäten“ herrschen und über das Ende nicht offen gesprochen wird, kommentiert Matze Hielscher zwar mit dem Hinweis, das wirke „sehr männlich“ – doch Campino bestätigt diesen Eindruck indirekt, indem er umgehend auf die technische Arbeitsebene zurücklenkt. Die Vorstellung, dass Gefühle die künstlerische Leistung gefährden könnten, wird als selbstverständlich gesetzt. Campinos Bewunderung für Elton Johns tränenlosen Auftritt bringt diese Haltung auf den Punkt: „Du musst in dieser Situation unter Kontrolle bleiben“. Dass künstlerische Authentizität auch in sichtbarer Rührung liegen könnte, wird nicht erkundet. Zudem wird die Bandgeschichte zwar selbstreferenziell verarbeitet, eine kritische Auseinandersetzung mit Entscheidungen oder politischen Positionen aus der eigenen Vergangenheit findet in diesem Ausschnitt jedoch nicht statt. Hörempfehlung Hörenswert für alle, die verstehen wollen, wie kreative Kollektive mit dem eigenen Ende umgehen – und welche Spannungen entstehen, wenn künstlerische Ernsthaftigkeit auf emotionale Verschlossenheit trifft.
Sprecher:innen
- Campino – Sänger der Toten Hosen, gerade mit dem letzten regulären Studioalbum der Band auf Abschiedstour.
- Matze Hielscher – Gastgeber des Podcasts Hotel Matze, ehemaliger Musiker und langjähriger Fan der Band.