Die anhaltende Hitzewelle habe die Medien hierzulande mit Servicemeldungen und Warnungen gefüllt, so die Eingangsbeobachtung. Dennoch stelle sich die Frage, ob die Berichterstattung der Bedrohung gerecht werde. Im Gespräch mit Holger Klein vertrete der ehemalige WDR-Journalist und Klimaexperte Jürgen Döschner die These, dass viele Medien die Klimakrise nicht in der nötigen Dringlichkeit behandelten. Es gehe ihm nicht um Einzelfallkritik, sondern um strukturelle Defizite: Fachredaktionen würden abgebaut, der Begriff „Klimawandel" werde ängstlich vermieden und die politischen Ursachen würden nur unter Druck einer großen Krise benannt, statt dauerhaft präsent zu sein.
Zentrale Punkte
- Vermeidung des Klimabegriffs als Stilmittel Trotz extremer Hitze hätten viele Redaktionen den Begriff „Klimakrise“ in der Berichterstattung gemieden. Döschner vermute, dass eine Mischung aus Verdrängung und Angst vor „Alarmismus“-Vorwürfen dazu führe, den entscheidenden Kontext wegzulassen. Ein einziges Wort in der Überschrift könne jedoch bereits die gedankliche Verbindung herstellen.
- Politik und fossile Interessen als Bremsen Die politische Führung bleibe medial unzureichend gestellt. Ministerpräsident:innen und der Kanzler hätten sich Interviews zur Hitze verweigert, ohne dass die Medien ausreichend Druck aufgebaut hätten. Tiefer liegend sieht Döschner den Einfluss fossiler Lobbygruppen, die über PR-Agenturen und Kontakte verhindern wollten, dass der Fokus auf den Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas gelenkt werde.
- Klima als journalistische Querschnittsaufgabe Die Klimakrise müsse raus aus der Wissenschafts-Nische und hinein in alle Ressorts – von Lokal- bis Wirtschaftsjournalismus. Statt „Wohlfühljournalismus“ zu betreiben, der die Menschen nicht mit unbequemen Wahrheiten „belästigen“ wolle, sei es der Auftrag der Medien, die physikalische Realität abzubilden und Lösungen diskutierbar zu machen.
Einordnung
Döschner argumentiert stringent und belegt seinen Unmut mit konkreten Beispielen, etwa der geplanten Abschaffung von Wissenschaftsredaktionen bei der ARD oder dem beharrlichen Schweigen von Politiker:innen während der Hitzewelle. Er unterscheidet sorgfältig zwischen einzelnen engagierten Journalist:innen und strukturellen Defiziten, was die Analyse ausgewogen macht und vor pauschaler Medienschelte bewahrt. Der Fokus liegt dabei nicht auf Alarm, sondern auf journalistischer Handwerkslehre: Kontext herstellen, Politik in die Pflicht nehmen, statt nur Wetter zu melden.
Kritisch anzumerken ist, dass die Diskussion stark auf die Angebotsseite des Journalismus fokussiert bleibt, ohne die publizistische Gesamtlogik tiefer zu hinterfragen: die wirtschaftliche Abhängigkeit von Reichweite in einem fragmentierten Markt. Dass das Publikum nicht das Gefühl haben dürfe, belästigt zu werden, wird eher beklagt als mit der ökonomischen Realität vieler Medienhäuser abgeglichen. Auch der Vorwurf einer womöglich bewussten Unterwanderung durch fossile Interessen wird zwar geäußert, aber als Möglichkeit im Raum stehen gelassen, ohne durch konkrete Belege gestützt zu werden. Wo deren Einfluss endet und redaktionelle Trägheit beginnt, bleibt offen.
Hörempfehlung: Die Folge lohnt sich für alle, die verstehen wollen, warum existenzielle Themen in vielen Nachrichten oft abstrakt bleiben – und wie man die Lücken in der Berichterstattung erkennt.
Sprecher:innen
- Jürgen Döschner – ehemaliger WDR-Energieexperte, Gründer des Netzwerks Klimajournalismus, Redaktionsleiter beim „Brandmelder“
- Holger Klein – Gastgeber des Übermedien-Podcasts „Holger ruft an“