In diesem Radiofeature begleitet die Autorin Viktoria Balon die Aktivistin Oksana Levkova und zwei Teilnehmerinnen bei einer ihrer sogenannten Rehabilitationstouren. Geschildert wird, wie aus einer spontanen Tagesfahrt ein wachsendes, spendenfinanziertes Projekt wurde, das Müttern und Witwen von gefallenen oder vermissten ukrainischen Soldaten eine Auszeit bieten soll. Der Bericht stellt die Reisen als einen geschützten Raum dar, in dem Frauen abseits sozialer Kontrolle trauern, Kraft schöpfen und sich selbst organisieren können. Dabei wird die zivilgesellschaftliche Initiative durchgehend als notwendige, würdige und offenbar alternativlose Antwort auf ein staatliches Versorgungsvakuum präsentiert. Die immense psychische Belastung der Helferin selbst wird zwar thematisiert, aber als unausweichlicher Preis dieser Hilfe gerahmt.
Zentrale Punkte
- Geschützter Raum jenseits sozialer Kontrolle Die Touren böten, so die Organisatorin, einen Freiraum, in dem Frauen ohne die wertenden Blicke ihres dörflichen Umfelds offen trauern oder auch mal lachen könnten. Die ständige Beobachtung, ob eine Mutter am Sarg ihres Sohnes „richtig“ weine, entfalle hier, was unmittelbar Erleichterung verschaffe und ehrliche Begegnung ermögliche.
- Selbstorganisation als Überlebensstrategie Aus der gemeinsamen Suche nach vermissten Söhnen sei die NGO „Hrynky – der Weg nach Hause“ entstanden. Die Frauen tauschten Informationen, schrieben Briefe an Gefangene und unterstützten sich gegenseitig. Ihr Netzwerk wird als Instanz dargestellt, die mit eigenen Recherchen sogar staatliche Stellen bei der Suche nach Vermissten unterstütze.
- Die ungehörte Belastung der Helferin Oksana Levkova schildere, wie sie die Geschichten von hunderten Frauen sammle, um über soziale Medien Spenden zu generieren. Die tägliche Konfrontation mit Foltererzählungen führe jedoch zu Schlaflosigkeit und unkontrollierbaren Flashbacks. Eine eigene Therapie schließe sie für sich aus, da keine:r ihrer Theoretischen Therapeut:innen die schiere Menge dieser Traumata verarbeiten könne.
Einordnung
Das Feature leistet etwas Seltenes: Es gibt den betroffenen Frauen nicht nur eine Stimme, sondern viel Raum, um ihre Überlebensstrategien, ihre Trauer und ihre gegenseitige Fürsorge detailliert zu beschreiben. Die Autorin hält sich als Fragestellerin zurück und lässt die Protagonistinnen ihre widersprüchlichen Gefühle – zwischen Pflicht zur Stärke und dem Bedürfnis nach Pause – selbst entwickeln. Die eindrücklichsten Passagen schildern, wie die Frauen sich jenseits der Opferrolle als aktiv Suchende und gegenseitige Stütze begreifen.
Kritisch bleibt anzumerken, dass die strukturellen Ursachen für die Abwesenheit des Staates kaum hinterfragt werden. Dass die gesamte Initiative auf privaten Einzelspenden ruht und Levkova ohne institutionelle Unterstützung ihre eigene Gesundheit opfert, wird als bittere, aber gegebene Tatsache behandelt – nicht als politisches Versäumnis. Die fehlende Diagnose einer massiven Lücke im Sozialsystem und der Hinweis Levkovas, internationale Fonds verstünden unter „Reisen“ nur Unterhaltung, bleiben so unkommentiert im Raum stehen. Eine Einordnung dieser Aussagen durch die Autorin hätte dem journalistischen Stück eine wichtige zusätzliche Tiefe gegeben. So lässt sich die dokumentierte Hilfsbereitschaft nur bestaunen – was sie zweifellos auch ist –, ohne nach den politischen Bedingungen zu fragen, die sie so dringend nötig machen.
„Eine von ihnen sagte zu mir: Oksana, ich komme aus der Oblast Charkiw. Mein Sohn wurde zu Tode gefoltert. Wie könnt ihr glauben, dass ich Angst vor diesem Beschuss habe und anderthalb Stunden im Keller zu sitzen?“
Hörempfehlung: Eine eindringliche Dokumentation für alle, die verstehen wollen, wie Angehörige von Vermissten und Gefallenen in der Ukraine jenseits der Frontlinien weitermachen und sich gegenseitig Halt geben.
Sprecher:innen
- Oksana Levkova – Aktivistin und Organisatorin der Rehabilitationstouren
- Ilona Didik – Teilnehmerin, Mutter eines in Hrynky vermissten Soldaten
- Olga Swjatnaja – Teilnehmerin, Mutter eines in Hrynky vermissten Soldaten
- Viktoria Balon – Autorin und Fragestellerin des Features