Das Wissen | SWR: 25 Jahre Wikipedia und der Kampf für Fakten im Netz
** Wikipedia vs. KI: Wer gewinnt den Kampf um Fakten, Geld und Deutungshoheit?
Das Wissen | SWR
28 min read1740 min audioDie Episode zeichnet ein facettenreiches Porträt der Wikipedia zum 25. Geburtstag – als utopisches Projekt, globale Wissensinfrastruktur und bedrohte Institution. Im Zentrum steht die Frage, wie das Lexikon im Zeitalter der KI überleben kann, ohne seine Prinzipien zu verraten. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass freies Wissen ein hohes Gut ist, während kommerzielle Plattformen als Gegenmodell kritisch betrachtet werden. Die Diskussion um Neutralität wird als zentrale Herausforderung gerahmt, ohne jedoch die Machtverhältnisse zu hinterfragen, die bestimmte Perspektiven in der Wikipedia-Community dominieren lassen.
### Zentrale Punkte
**Wikipedias Erfolg als Gegenentwurf zum Plattformkapitalismus**
Die Episode betone, dass die Wikipedia als einzigartige Erfolgsgeschichte im digitalen Raum gelte, weil sie sich der "Extraktionslogik" verweigere. Während andere Plattformen Nutzer:innen erst anlockten und dann kommerzialisierten, bleibe Wikipedia werbefrei, transparent und gemeinnützig. Diese Prinzipien – freie Lizenzen, radikale Transparenz – würden als Grundpfeiler ihrer Glaubwürdigkeit dargestellt.
**KI als Bedrohung und Chance zugleich**
Künstliche Intelligenz werde ambivalent diskutiert: Einerseits nutzten Tech-Konzerne wie Google die Wikipedia als Trainingsdatenbank, ohne angemessen zu kompensieren, was die Server belaste und die Gemeinnützigkeit ausnutze. Andererseits entstünden durch KI-generierte Falschinformationen neue Herausforderungen, etwa wenn Nutzer:innen Chatbot-Texte ungeprüft in Artikel kopierten. Gleichzeitig werde KI als "kollektive Intelligenz" gerahmt, die auf menschlichem Wissen aufbaue.
**Krise der Freiwilligenkultur**
Die Wikipedia stehe vor einem demografischen Problem: Die Zahl der aktiven Autor:innen stagniere seit Jahren, während die Artikelmenge weiter wachse. Strenge Qualitätskontrollen, die Vandalismus verhindern sollten, schreckten Neueinsteiger:innen ab. Gleichzeitig führe die Überalterung der Community zu einer einseitigen Perspektive – etwa einem "männlichen Blick auf die Welt". Die Episode deute an, dass bezahlte Kräfte helfen könnten, diese Lücke zu schließen.
**Neutralität als umkämpftes Ideal**
Anhand des umstrittenen Artikels zum Gaza-Konflikt werde diskutiert, wie schwierig die Umsetzung des Neutralitätsprinzips sei. Jimmy Wales kritisiere, dass der Artikel den Vorwurf des Völkermords als Fakt darstelle, statt die Debatte abzubilden. Gleichzeitig werde betont, dass Wikipedia nie perfekte Objektivität erreichen könne, sondern ein "ewiger Aushandlungsprozess" bleibe – allerdings mit radikaler Transparenz.
### Einordnung
Die Episode überzeugt durch eine **dichte, multiperspektivische Analyse**, die Wikipedia nicht nur als Technologieprojekt, sondern als soziales Phänomen begreift. Besonders stark sind die Passagen, die die **ökonomischen und politischen Machtverhältnisse** hinter der KI-Nutzung offenlegen – etwa wenn Tech-Konzerne die "Wissensalmende" ausbeuten, ohne Gegenleistungen zu erbringen. Auch die **kritische Reflexion der eigenen Community-Strukturen** (Überalterung, Zugangsbarrieren) ist erfrischend selbstkritisch.
Problematisch bleibt jedoch, dass **strukturelle Ungleichheiten** nur am Rande thematisiert werden: Die Dominanz männlicher, westlicher Perspektiven in der Wikipedia wird zwar erwähnt, aber nicht vertieft. Auch die **Frage, wer eigentlich "Neutralität" definiert**, wird nicht systematisch diskutiert – etwa ob die Kritik an bestimmten Artikeln (wie dem Gaza-Beispiel) selbst politisch motiviert ist. Die Episode verbleibt hier im Mainstream-Diskurs, ohne hegemoniale Deutungsmuster zu hinterfragen.
> *„Das Problem ist, dass gerade die generativen KI-Chatbots Anfragen an unsere Server schicken und damit Last und Kosten in der Infrastruktur erzeugen. [...] Die KI-Firmen sind die reichsten Konzerne der Welt. Sie bedienen sich an der Wissensalmende, bauen damit Produkte, mit denen sie Milliarden verdienen – und lassen die Wikipedia auf der Rechnung sitzen.“*
Die Stärke der Episode liegt in ihrer **emotionalen und analytischen Tiefe**: Sie verbindet persönliche Geschichten (wie die des Pizzakarton-Artikels) mit globalen Fragen nach der Zukunft des Wissens. Wer sich für digitale Ökonomie, Wissensproduktion oder die Macht von Algorithmen interessiert, findet hier eine **fundierte, zugängliche Einführung** – allerdings mit der Einschränkung, dass die politische Dimension von "Neutralität" nur angerissen wird.
**Hörempfehlung**: Für alle, die verstehen wollen, warum Wikipedia mehr ist als eine Website – und warum ihr Überleben im KI-Zeitalter eine gesellschaftliche Aufgabe ist.
### Sprecher:innen
* **Christian Schiffer** – Autor der Episode, Journalist mit Fokus auf Digitalkultur
* **Jimmy Wales** – Wikipedia-Gründer, zitiert zur Neutralität und KI-Herausforderungen
* **Dirk Franke** – Wikipedianer der ersten Stunde, illustriert Freiwilligenkultur
* **Leonard Dobusch** – Professor für Betriebswirtschaft, analysiert Wikipedia als Gegenmodell zu Plattformen
* **Franziska Heine** – Geschäftsführerin Wikimedia Deutschland, thematisiert KI-Kosten
* **Harald Krichel** – Wikipedia-Administrator, erklärt KI-Erkennung in Artikeln
* **Nina Leseberg** – Wikimedia-Mitarbeiterin, diskutiert Community-Engagement