Seit über zwei Monaten blockiert der Konflikt zwischen den USA und dem Iran die Straße von Hormus und löst eine globale Ölkrise aus. Während der Westen leidet und die USA militärisch gebunden sind, scheint China sich vornehm zurückzuhalten. Doch dieses Bild trügt, wie der China-Spezialist Felix Lee im Gespräch mit Rixa Fürsen darlegt. Aus seiner Sicht verfolge Peking eine jahrtausendealte Strategie: den Gegner nicht frontal angreifen, sondern einkreisen, unterlaufen und dort zuschlagen, wo er Lücken lässt. Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass geopolitisches Handeln primär wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Eigeninteressen folgt – klimapolitische oder menschenrechtliche Erwägungen spielen in dieser Analyse keine Rolle.

Zentrale Punkte

  • Energiesicherheit als strategischer Puffer China habe seit Jahren massiv in erneuerbare Energien investiert – nicht primär aus Klimaschutzgründen, sondern zur Energiesicherheit. Diese Reserven verschafften Peking nun einen Puffer, den andere Länder nicht hätten, sodass man den Konflikt zunächst beobachten und auf den eigenen Vorteil warten könne.
  • Einkreisung statt Frontalangriff Chinas Außenpolitik folge der Logik des Go-Spiels: Statt direkter Konfrontation versuche man, die USA weltweit zu umkreisen und zu schwächen. Dass iranische Drohnen aus chinesischen Komponenten nun teure US-Abwehrsysteme aushebelten, sei ein Paradebeispiel – es untergrabe das Vertrauen der Golfstaaten in amerikanische Sicherheitsgarantien und treibe sie China zu.
  • Taiwan profitiert vom Machtvakuum Während die USA Militärkapazitäten vom Indopazifik in den Golf verlegten, nutze China dieses Vakuum zur Expansion. Lee beschreibt dies als „absolut gefundenes Fressen" für Peking, das im Indopazifik „ganz ganz knallharte Interessen" habe und die amerikanische Ablenkung strategisch ausnutze.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine dichte und kenntnisreiche Analyse chinesischen Strategiedenkens. Felix Lee kann komplexe Zusammenhänge – von Energiereserven über Drohnentechnologie bis zu Seltenen Erden – verständlich verknüpfen und zeigt, wie Wirtschaft, Technologie und Sicherheitspolitik in Pekings Kalkül zusammenspielen. Die historische Tiefe, mit der er aktuelle Manöver auf Sunzis Militärstrategie zurückführt, eröffnet eine Perspektive, die über tagesaktuelle Schlagzeilen hinausgeht. Auch Chinas eigene Verwundbarkeiten – Exportabhängigkeit, Überkapazitäten, Technologiesanktionen – werden benannt.

Allerdings bleibt die Darstellung einem Blick verhaftet, der Chinas Handeln fast ausschließlich als Reaktion auf westliche Schwächen deutet. Dass Peking eigene geopolitische Ziele jenseits des US-Gegensatzes verfolgen könnte, wird kaum vertieft. Die Rolle anderer asiatischer Mächte oder die Perspektive der Golfstaaten selbst scheinen nur am Rande auf. Pakistan wird allein als verlängerter Arm Chinas dargestellt – eigene Handlungsmotive Islamabad bleiben unsichtbar. Zudem wird die Prämisse, dass Handelsabhängigkeit automatisch zu Deeskalation führen müsse, wenig hinterfragt: „Irgendwann" werde China offensiver werden müssen, „damit das Öl wieder fließen kann" – als sei dies nur eine Frage des ökonomischen Drucks, nicht politischer Entscheidungen.

Hörempfehlung: Wer verstehen will, warum China als einzige Großmacht vom Golfkrieg profitieren könnte, findet hier eine erkenntnisreiche halbe Stunde mit einem ausgewiesenen Experten.

Sprecher:innen

  • Rixa Fürsen – Host des Berlin Playbook Podcasts bei POLITICO
  • Felix Lee – Journalist und China-Experte, ehemaliger taz-Korrespondent in Peking, Autor für SZ Dossier Geoökonomie