Tom Strohschneider beginnt seine Analyse mit einem selbstkritischen Eingeständnis: Das Sammeln von Begriffen, um die „rechtsradikale Revolution“ Trumps zu verstehen, habe zwar zu einem reichhaltigen Arsenal an Deutungsangeboten geführt, aber praktisch kaum Handlungsmacht erzeugt. Statt eines Griffs, mit dem „die Dinge bewegt werden können“, dominieren politische Niedergeschlagenheit und die lähmende Frage: „Es geht nicht mehr so weiter, aber wie soll es weitergehen?“

Vor diesem Hintergrund buchstabiert er eine hochkomplexe Debatte um den Faschismusbegriff durch, die ein Text des Soziologen Jan Philipp Reemtsma in der FAZ ausgelöst hat. Reemtsma fragt provokant nach einer „Lust am Faschismus-Vorwurf“ und stellt die analytische Schärfe des Begriffs zugunsten einer eher anthropologischen Lesart von Regression infrage. Strohschneider beobachtet, dass in den darauffolgenden Repliken von Rahel Jaeggi, Robin Celikates oder Oliver Nachtwey viel offener als zuvor die AfD selbst in den Blick gerät – und weniger das Stellvertreter-Thema Trump.

Anhand dieser Kontroverse seziert der Autor den zentralen Dissens: Während Reemtsma und die ihm beispringende Publizistin Tania Martini davor warnen, den moralischen Imperativ über die kühle Analyse zu stellen, pochen Nachtwey, Jaeggi und Celikates auf den dynamischen Begriff der „Faschisierung“. Dieser solle gerade das Prozesshafte und Ungleichzeitige einer autoritären Entwicklung erfassen, die nicht allein extremistischen Rändern entspringt, sondern oft „aus der Mitte der Gesellschaft heraus befeuert“ wird.

In einem großen Sprung holt Strohschneider die historische Tiefendimension dieser Debatte ein. Er rekonstruiert die Faschisierungsthese der K-Gruppe KB aus den 1970er-Jahren, die einen „präventiven“ Charakter bürgerlicher Politik analysierte, und führt bis zu aktuellen Akteur:innen wie Klaus Weber, Mario Candeias und Klaus Dörre. Diese diskutieren kontrovers, ob der Autoritäre Kapitalismus nicht treffender beschrieben ist, oder ob Faschisierung als Projekt der Umverteilungskonflikte in Zeiten eines „schrumpfenden Kuchens“ zu verstehen ist. Der Text endet als eine Art hochverdichtetes Seminarreader über eine linke Dauerbaustelle.

Einordnung

Tom Strohschneider, der über enorme Insiderkenntnis der linken Theorie- und Parteigeschichte verfügt, liefert hier eine intellektuell redliche, aber extrem insuläre Meta-Analyse. Der Text setzt ein immenses Vorwissen voraus – von den historischen K-Gruppen über das „HKWM“ bis zu den Nuancen der Kritischen Theorie. Die Stärke liegt im präzisen Nachzeichnen der argumentativen Verästelungen, die Schwäche in einer fast vollständigen Selbstreferenzialität. Die Debatte kreist in einem geschlossenen akademisch-publizistischen Zirkel, lässt aber die Perspektive derjenigen, die von faschistischer Mobilisierung konkret bedroht sind, ebenso außen vor wie eine Übersetzung der Fragestellung in praktische politische Strategie jenseits von Begriffskosmetik. Unausgesprochen schwingt die Annahme mit, dass die richtige Theorie eine notwendige Bedingung für erfolgreiches Handeln sei – eine Annahme, die der Text eingangs selbst dekonstruiert. Lesenswert ist diese Ausgabe nur für ein Fachpublikum, das die Wege der radikalen Linken und ihrer Theorieorgane kennt und bereit ist, sich durch ein Gestrüpp von Fußnoten und Querverweisen zu kämpfen. Für alle, die eine handfeste politische Einordnung oder eine breitere gesellschaftliche Analyse suchen, ist dies eine explizite Lesewarnung: Der Text bleibt reine Nabelschau.