Wohlstand für Alle: Ep. 347: Sind Faschismus und Liberalismus entfernte Verwandte?
"Wohlstand für Alle" über strukturelle Parallelen zwischen New Deal und Faschismus sowie den Riss zwischen Staats- und Konzerninteressen.
Wohlstand für Alle
47 min read2799 min audioIn der Episode des Wirtschaftspodcasts „Wohlstand für Alle“ diskutieren Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über das Ende des Laissez-faire-Kapitalismus und die Rückkehr des interventionistischen Staates. Als historische Folie dient ihnen Wolfgang Schivelbuschs Buch „Entfernte Verwandtschaft“, das strukturelle und wirtschaftspolitische Parallelen zwischen dem amerikanischen New Deal, dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus der 1930er Jahre zieht.
Die Hosts verhandeln aktuelle geopolitische Entwicklungen bewusst nicht entlang der gängigen medialen Trennlinie von „Demokratie versus Autokratie“. Stattdessen etablieren sie einen analytischen Frame, der das Spannungsfeld zwischen strategischen, staatlichen Machtinteressen und globalisierten Konzerninteressen ins Zentrum rückt. Dabei wird das historische Scheitern des Neoliberalismus als diskursive Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, die das aktuelle Handeln aller Großmächte unweigerlich diktiere.
### Zentrale Punkte
* **Historische Krisenbewältigung**
Schivelbuschs These zeige, dass in Krisenzeiten sowohl demokratische als auch faschistische Staaten den liberalen Kapitalismus durch staatliche Industriepolitik und charismatische Führung einhegen würden.
* **Rechte Diskursverschiebungen**
Libertäre Tech-Akteure würden sich zunehmend auf interventionistische Konzepte beziehen, um neue elitäre und antidemokratische Gesellschaftsvisionen jenseits des bisherigen Liberalismus zu legitimieren.
* **Dekonstruktion binärer Weltbilder**
Die gängige Einteilung der Welt in Demokratien und Autokratien sei unzureichend, da westliche Staaten wirtschaftspolitisch zunehmend autoritär agieren müssten, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.
* **Staat gegen Kapital**
Es entstehe ein tiefgreifender Konflikt zwischen Regierungen, die auf strategische Autonomie pochen, und internationalen Konzernen, die für ihre Profite zwingend auf Standorte wie China angewiesen seien.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine dichte historische Kontextualisierung, die dominante mediale Narrative – wie den simplen politischen Gegensatz von Gut und Böse – fundiert dekonstruiert. Die Moderatoren analysieren präzise, wie geopolitische Machtinteressen aktuell die lange hegemonialen Dogmen des freien Marktes verdrängen. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die grundlegende Prämisse der Episode, der Neoliberalismus habe endgültig ausgedient, als unhinterfragte Tatsache gesetzt wird. Zudem gerät die Begrifflichkeit stellenweise unscharf: Wirtschaftliche Regulierungen oder Preiskontrollen werden rhetorisch sehr schnell unter dem Label einer „autoritären Wende“ subsumiert. Wie systematisch die Hosts binäre moralische Kategorien durch ein rein funktionales Raster ersetzen, zeigt Nymoens Zusammenfassung politischer Systeme: „Vielleicht sind es zwei verschiedene Arten und Weisen ein und dieselbe Sache zu regulieren und man muss das Ganze dabei etwas spektraler denken.“
**Hörempfehlung**: Empfehlenswert für Hörer:innen, die Interesse an wirtschaftshistorischen Diskursen und einer strukturellen Analyse jenseits tagesaktueller Schwarz-Weiß-Rhetorik haben.
### Sprecher:innen
* **Ole Nymoen** – Host, Autor und Podcaster
* **Wolfgang M. Schmitt** – Host, Filmkritiker und Autor