Die Nord-Stream-Sprengung wird in diesem Gespräch als eine weitgehend eigenständige Operation ukrainischer Militär- und Geheimdienstkreise dargestellt. Bojan Pancevski, der jahrelang zu dem Anschlag recherchiert hat, präsentiert seine These mit großer Sicherheit: Ein ukrainisches Team habe die Pipelines zerstört – ohne direkte Beteiligung westlicher Mächte und gegen den Willen der amerikanischen CIA-Führung. Die Schuldzuweisungen an Russland, die unmittelbar nach der Detonation die öffentliche Diskussion prägten, werden als gezielte Irreführung oder voreilige Spekulation zurückgewiesen. Stattdessen erscheint hier eine komplexe Gemengelage, in der Kiews Armeeführung eigene geopolitische Ziele verfolgt und das Verhältnis zwischen Präsident Selenskyj und seinen Generälen von Misstrauen geprägt gewesen sei.
Zentrale Punkte
- Operation von einer Segelyacht aus Eine sechsköpfige Crew, darunter Tiefseetaucher:innen und Soldaten, habe von einer in Rostock gemieteten Yacht aus in mehreren Tauchgängen Bomben an den Pipelines angebracht. Die Sprengsätze seien mit Zeitzündern versehen worden, sodass die Pipelines erst drei Tage nach Ende der Mission explodiert seien.
- Selenskyjs widersprüchliches Wissen Der ukrainische Präsident sei anfangs nicht eingeweiht gewesen, habe die Operation aber später in einem Briefing abgenickt, sie dann auf Druck der USA gestoppt – die ausführende Eliteeinheit habe den Befehl ignoriert und weitergemacht. Selenskyj bestreite jede Kenntnis; seine Berater:innen behaupteten, sie hätten von der Sprengung aus dem Fernsehen erfahren.
- Die CIA als unbeteiligter Riesen Zwar hätten einzelne CIA-Agenten in Kiew informell Ratschläge gegeben, die Behörde als Ganzes habe aber erst spät von den Plänen erfahren und sofort versucht, sie zu stoppen. Pancevski stellt die ukrainischen Akteure als derart kompetent dar, dass sie weder massive Logistik noch direkte Führung der USA benötigt hätten.
Einordnung
Pancevski zeichnet ein detailliertes und in sich schlüssiges Bild einer eigenmächtigen Sabotageaktion und unterfüttert es mit einem breiten Spektrum an Quellen – von den mutmaßlichen Planer:innen und Taucher:innen über CIA-Spitzenleute bis zu deutschen Ermittler:innen. Diese Multiperspektivität ist eine handwerkliche Stärke. Ebenso wohltuend ist die präzise Entkräftung haltloser Theorien, etwa zum angeblichen russischen Forschungsschiff, das die deutschen Behörden anhand alter DDR-Baupläne als ungeeignet für eine solche Operation eingestuft hätten.
Zwei Aspekte bleiben gleichwohl kritisch zu sehen: Erstens wird die Darstellung, die ukrainische Armeeführung habe faktisch am Präsidenten vorbei operiert, hier als eine Art Naturgesetz präsentiert – „wie ein Torpedo, wenn er einmal losgeschossen wird“. Das verleiht der Sabotage einen Beigeschmack von Unausweichlichkeit und normalisiert die Vorstellung, dass Geheimdienst- und Militärapparate sich über die gewählte politische Führung hinwegsetzen. Zweitens werden die geopolitischen Verschiebungen, die Nord Stream 2 überhaupt erst möglich machten, nur am Rande erwähnt. Die Episode ist für Hörer:innen mit Vorwissen ein erhellender Deep Dive, setzt aber einiges an geopolitischer Einordnung voraus, das nicht mitgeliefert wird.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie investigative Recherche zu Geheimdienstoperationen abläuft und warum einfache Schuldzuweisungen oft nicht tragen, bietet die Folge eine fesselnde und kenntnisreiche Analyse.
Sprecher:innen
- Bojan Pancevski – Journalist, Wall Street Journal, Autor von „Die Nord-Stream-Sprengung"
- Tessa Szyszkowitz – Redakteurin der Wiener Stadtzeitung Falter, Moderatorin