In dieser Episode von „Holger ruft an“ diskutieren Holger Klein und Jonathan Sachse die journalistischen und juristischen Herausforderungen der Verdachtsberichterstattung. Aufhänger ist die aktuelle „Spiegel“-Recherche zu Vorwürfen der digitalen sexualisierten Gewalt von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen. Das Gespräch verhandelt den Konflikt zwischen medialem Veröffentlichungsdruck, juristischen Risiken und pressethischer Sorgfaltspflicht. Dabei wird der mediale Umgang mit sexualisierter Gewalt nicht nur als handwerkliches, sondern als strukturelles Problem besprochen. Der Einfluss von spezialisierten Anwaltskanzleien auf redaktionelle Veröffentlichungsentscheidungen wird als zunehmende Hürde gerahmt, die im Zweifel zu einer zögerlicheren Berichterstattung führe. ### Zentrale Punkte * **Eigene redaktionelle Prüfungspflicht** Sachse betone, dass Redaktionen Fremdrecherchen nicht bloß abschreiben dürften. Eigene Belege und die Konfrontation der Beschuldigten seien zwingend erforderlich, um juristische Haftung zu vermeiden. * **Druck durch Medienkanzleien** Medienanwälte gingen heute strategisch und aggressiv gegen Berichte vor. Dies führe laut Sachse dazu, dass Redaktionen das juristische Risiko scheuten und im Zweifel zögerlicher über Vorwürfe berichteten. * **Strukturelle Machtgefälle** Sachse bestätige ein strukturelles Machtgefälle bei sexualisierter Gewalt. Frauen, die Vorwürfe gegen Männer erheben, seien massiven Repressalien ausgesetzt, was die journalistische Aufarbeitung massiv erschwere. ### Einordnung Die Episode besticht durch eine unaufgeregte, transparente Aufschlüsselung redaktioneller Prozesse bei hochsensiblen Themen. Positiv fällt auf, dass Sachse patriarchale Machtgefälle und die spezifische Bedrohungslage für Frauen bei sexualisierter Gewalt als strukturelle Parameter anerkennt, anstatt sie als bloße Begleiterscheinungen zu rahmen. Auch die medienrechtliche Einschüchterung ("Chilling Effect") durch Anwaltskanzleien wird kritisch und konkret benannt. Die Diskussion verbleibt naturgemäß in einem reinen Branchen-Diskurs: Die massiven Belastungen der Betroffenen werden zwar analytisch herangezogen, der Fokus der Argumentation liegt aber fast durchgehend auf dem juristischen Risikomanagement der Redaktionen. **Hörempfehlung**: Lohnenswert für alle, die verstehen wollen, warum Medien bei Verdachtsberichterstattung oft zögern und wie juristischer Druck redaktionelle Entscheidungen im Hintergrund prägt. ### Sprecher:innen * **Holger Klein** – Moderator und Journalist * **Jonathan Sachse** – Stellvertretender Chefredakteur beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)