Mike Brock, ein ehemaliger Tech-Manager und liberaler Denker, entwirft in seinem Newsletter eine provokante These: Die Künstliche Intelligenz (KI) sei zwar technologisch revolutionär, das aktuell in sie investierte Kapital jedoch massiv fehlgeleitet. Er argumentiert, dass wir uns in einer klassischen Blase befinden, nicht weil die Technologie ein Betrug sei, sondern weil die Geschäftsmodelle der Investierenden durch die Technologie selbst zerstört werden. Brock beschreibt LLMs als "universelle Übersetzer", die die Kosten für die Erstellung individueller Software um den Faktor zehn oder mehr senken. Dieser Preissturz entziehe dem bisherigen Software-as-a-Service-Modell (SaaS), auf dem Giganten wie Salesforce oder ServiceNow thronen, die ökonomische Existenzgrundlage.
Besonders brisant ist seine Analyse zur Verlagerung der Rechenleistung weg von der Cloud. Während Konzerne wie Microsoft Milliarden in riesige Rechenzentren für Cloud-KI investieren, setzt Apple laut Brock strategisch auf lokale Inferenz direkt auf den Endgeräten. Er prognostiziert, dass lokale Sprachmodelle auf iPhones und Macs bald kostenfrei und datenschutzkonform dieselbe Leistung erbringen wie heutige teure Abomodelle. "Die Hyperscaler bauen Rechenzentren für einen Markt, der innerhalb kurzer Zeit auf ein Substrat migrieren wird, für das sie keine Gebühren verlangen können", so Brocks düstere Vorhersage für die Cloud-Anbieter. Dies führe dazu, dass die gigantischen Investitionen (CAPEX) niemals die erwarteten Renditen erwirtschaften werden, da die Massenanwendung lokal stattfindet.
Der Autor sieht in diesem Prozess ein strukturelles Versagen des Marktes, bei dem alle Akteure individuell rational handeln, das Gesamtergebnis jedoch irrational bleibt. CEOs und Analyst:innen könnten die Wahrheit nicht aussprechen, da ihre Vergütung an kurzfristige Aktienkurse gekoppelt sei und niemand als Erster die Party verlassen wolle. Brock nutzt das Bild eines "Infrastruktur-Lösungsmittels": KI diene nicht dazu, neue Plattform-Festungen zu errichten, sondern die bestehenden einzureißen. Er zitiert pointiert: "KI ist kein Plattformgeschäft. Sie ist ein Infrastruktur-Lösungsmittel." Am Ende werde die Technologie bleiben, aber die heutigen Geschäftsmodelle der Cloud-Anbieter und Software-Vermieter würden als bloße Übergangsartefakte in der Geschichte verschwinden.
Einordnung
Brock liefert eine scharfzüngige Insider-Perspektive, die sich wohltuend vom üblichen KI-Hype abhebt. Seine Argumentation basiert auf tiefem technischem Verständnis und ökonomischer Logik, vernachlässigt jedoch potenziell die Trägheit großer Konzerne und die Macht von "Data Moats". Er nimmt eine dezidiert technokratisch-kritische Position ein, die die Interessen von Nutzer:innen und Entwickler:innen gegen die Extraktionslogik der großen Tech-Plattformen ausspielt. Die Analyse ist durchdrungen von einem gesunden Skeptizismus gegenüber dem Silicon-Valley-Narrativ, ohne dabei den technologischen Fortschritt an sich zu leugnen. Er entlarvt dabei geschickt die Doppelmoral der Führungsebene, die kurzfristige Boni über langfristige Stabilität stellt.
Kritisch anzumerken bleibt, dass Brock soziologische Faktoren wie das Vertrauen in etablierte Marken zugunsten einer rein ökonomisch-technischen Effizienzrechnung weitgehend ausblendet. Dennoch ist der Text eine glänzende Analyse für alle, die hinter die Kulissen der aktuellen KI-Investitionsrallye blicken wollen. Der Newsletter ist eine dringende Leseempfehlung für Investor:innen, Entscheider:innen und politisch Interessierte, die verstehen wollen, warum die aktuelle KI-Ökonomie auf tönernen Füßen stehen könnte. Er bietet eine fundierte Entscheidungshilfe gegen blindes Vertrauen in die Wachstumsversprechen der Cloud-Giganten und ist aufgrund der präzisen Argumentation absolut lesenswert.