Der Geschichtspodcast „Was bisher geschah“ kehrt nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne zurück. In dieser Folge widmen sich Joachim Telgenbüscher und Nils Minkmar der Geschichte von Gudrun Enslin, einer der zentralen Figuren der Roten Armee Fraktion (RAF). Sie spüren ihrer Biographie von der bürgerlichen Pfarrerstochter über die gestörte Studierendenzeit bis hin zur politischen Radikalisierung und terroristischen Gewalt nach. Dabei beleuchten sie die verhängnisvolle Verbindung von persönlicher Enttäuschung, politischem Frust und romantischer Beziehung mit Andreas Baader. Die Episode endet mit dem ersten Brandanschlag und der Flucht ins Unterreich.
1. Die Anfänge: Gudrun Enslin als vielversprechende Pfarrerstochterin
Enslin wuchs in den 1950er Jahren in einem schwäbischen Pfarrhaushalt auf, war leistungsstark, engagiert, reiste mit 17 Jahren als Austauschschülerin in die USA und strebte eine akademische Karriere an. Ihre Biografie bis Mitte der 1960er Jahre entsprach dem Muster vieler Bildungsbürger:innen jener Zeit.
2. Die Wendung: Politische Enttäuschung und persönliche Krisen
Nach der gescheiterten Hoffnung auf einen Machtwechsel durch die SPD 1966 und enttäuschenden Erfahrungen in der außerparlamentarischen Opposition radikalisierte sich Enslin zunehmend. Die Trennung von ihrem Verlobten Bernward Vesper, die Geburt ihres Sohnes und die Begegnung mit Andreas Baader markieren den Übergang von intellektuellem Protest zu gewaltbereitem Aktionismus.
3. Die Eskalation: Vom Protest zum Brandanschlag
Am 2. April 1968 zündeten Enslin und Baader zwei Brandsätze in Frankfurter Kaufhäusern. Die Aktion war zwar harmlos – es gab keine Verletzten –, aber sie führte zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen schwerer Brandstiftung. Enslin nutzte den Prozess, um ihre politische Botschaft zu verbreiten: „Wir haben gelernt, dass Reden ohne Handeln unrecht ist.“
4. Die Trennung: Familie, Wissenschaft und bürgerliches Leben werden aufgegeben
Nach der Verurteilung brach Enslin den Kontakt zu ihrer Familie ab, gab ihre Mutterrolle auf und zog sich mit Baader in die Illegalität zurück. Ihre Flucht durch Europa markierte den endgültigen Bruch mit ihrem früheren Leben und den ersten Schritt zur Gründung der RAF.
Einordnung
Die Episode zeigt erzählerisch souverän, wie aus einer engagierten jungen Frau eine Terroristin wurde – ohne dabei die Gewalt zu verharmlosen. Die Moderator:innen vermeiden es, Enslin zu romantisieren oder zu pathologisieren, und zeigen stattdessen die Wechselwirkung von persönlicher Krise, politischem System und sozialem Umfeld. Besonders gelungen ist die Kontextualisierung: Die 1960er Jahre werden nicht als monolithische „68er-Bewegung“ dargestellt, sondern als konfliktreiche Phase, in der sich verschiedene Milieus mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten radikalisierten. Die Story wirkt deshalb nicht wie ein warnendes Märchen, sondern wie eine historische Analyse, die die Brüchigkeit bürgerlicher Lebensentwürfe offenlegt. Kritisch anzumerken ist, dass die moderierende Perspektive auf westdeutsche Verhältnisse beschränkt bleibt – die Sicht der Opfer und der Menschen in den „Befreiungsgebieten“, für die sich Enslin zu sprechen glaubte, bleibt ausgespart. Dennoch liefert der Podcast eine dichte, kenntnisreiche und differenzierte Einordnung, die ohne voyeuristische Faszination auskommt.