Im Zentrum des Gesprächs steht die These, dass die politische und journalistische Auseinandersetzung mit der AfD gescheitert sei – nicht weil die Partei harmlos wäre, sondern weil die gewählten Mittel wirkungslos verpufften. Paul Ronzheimer und die Journalistin Melanie Amann analysieren die jüngste Diskussion um mögliche Personalumbauten in Behörden nach einem AfD-Wahlsieg, die als "Staatsstreich" bezeichnet wurde. Amann hält diesen Begriff für ein "Angstmachlabel", das den normalen demokratischen Vorgang einer Regierungsübernahme mit einem Umsturz gleichsetze und so reale Gefahren eher verkleinere. Die eigentliche Bedrohung liege nicht in spektakulären Rechtsbrüchen, sondern im schleichenden Umbau von Institutionen durch eine Partei, die Meinungsfreiheit nur für sich selbst beanspruche und missliebige zivilgesellschaftliche Akteure ausschalten wolle. Als zentrales Problem benennt Amann die fehlende positive Gegenvision der etablierten Parteien: Statt einer eigenen Geschichte für das Land zu erzählen, beschränke man sich auf ein "Anti-AfD-Programm", das vor allem den politischen Gegner verbreite.

Zentrale Punkte

  • "Staatsstreich" als untaugliches Label Die Warnung vor einem "Staatsstreich" sei ein "völlig maßloses Label", das den normalen demokratischen Vorgang einer Regierungsübernahme durch eine nicht verbotene Partei mit einem verfassungswidrigen Umsturz gleichsetze. Dadurch würden die realen, schleichenden Gefahren für Institutionen – etwa die Neubesetzung von Spitzenpositionen mit regierungsunerfahrenen Hardlinern – durch eine zu große Metapher "übertüncht".
  • Abstumpfungseffekt der Warnungen Keines der bisherigen politischen Label – "gesichert rechtsextrem", "faschistisch", "völkisch" – habe bei den Wähler:innen noch abschreckende Wirkung gezeigt. Es sei ein "Abstumpfungseffekt" eingetreten; die AfD nutze die Zuschreibungen ironisch auf Wahlplakaten. Viele Menschen empfänden die grundlegenden AfD-Forderungen als "gesunden Menschenverstand" und die Kritik daran als politische Verfolgung.
  • Fehlende Vision der etablierten Parteien Die AfD trete mit einer klaren, verständlichen Vision an ("Deutschland den Deutschen", "endlich durchgreifen"), während die anderen Parteien keine positive Gegenerzählung lieferten. Sie präsentierten lediglich ein "Anti-AfD-Programm" und eine Mängelliste, ohne zu sagen, wofür zu wählen sich lohne. Die CDU-Broschüre gegen die AfD sei ein Beispiel für "veraltete Kommunikation", die nur Argumente gegen die AfD, aber keine für sich selbst liefere.
  • Journalistische Sonderbehandlung als Notwendigkeit Die AfD müsse journalistisch anders behandelt werden als andere Parteien, weil sie in ihren Positionen – etwa bei Meinungsfreiheit oder Sozialleistungen – eine "andere Partei" sei. Die Praxis der Interview-Autorisierung führe bei AfD-Politikern mit ihrem Hang zu Falschaussagen zu einem "endlosen Kreislauf". Dennoch müsse Journalismus die Leute ausreden lassen und ihnen Kontra geben, wo nötig – ohne zum wandelnden Faktenchecker zu mutieren, der jedes Gespräch zerfleddert.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt in der selbstkritischen Perspektive zweier erfahrener Hauptstadtjournalist:innen auf ihre eigene Zunft. Amanns Analyse der abgestumpften Warnungen ist nachvollziehbar und die Beobachtung, dass die CDU mit ihrer Anti-AfD-Broschüre nur die "Position der AfD verbreitet", trifft ein kommunikatives Kernproblem. Der Hinweis, dass eine mögliche AfD-Regierung eher an handwerklichem Chaos und fehlender Verwaltungskompetenz scheitern könnte, bietet eine erhellende, entmystifizierende Perspektive auf die realen Machtmechanismen.

Allerdings bleiben einige zentrale Prämissen unhinterfragt. Die Annahme, dass die anderen Parteien lediglich an ihrer "Kommunikation" und fehlenden "Vision" scheitern, ignoriert die materielle Grundlage des Frusts – etwa die reale soziale Schieflage, die die etablierten Parteien mitverantworten. Die AfD erscheint so als reines Marketing-Phänomen, nicht als Profiteur einer spezifischen politischen Ökonomie. Zudem wird der Begriff "Mainstream-Medien", den Amann verwendet, unkritisch übernommen – er ist selbst ein Kampfbegriff aus dem rechtspopulistischen Werkzeugkasten. Die Perspektive von Menschen, die von den Plänen einer AfD-Regierung existenziell bedroht wären, kommt nicht vor; Empathie gilt hier vor allem den überforderten Journalist:innen und ratlosen Wahlkämpfern der Union.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum klassische Politikvermittlung an der AfD abprallt und welche strategischen Debatten Redaktionen und Parteizentralen gerade führen, bietet das Gespräch eine schonungslose Innensicht.

Sprecher:innen

  • Melanie Amann – Journalistin (Funke Medien), ehem. stellv. Spiegel-Chefredakteurin, AfD-Expertin
  • Paul Ronzheimer – Kriegsreporter und Journalist (Bild), Host des Podcasts "RONZHEIMER."