Was passiert, wenn der klassische Lokaljournalismus auf die digitale Gegenwart trifft? In dieser Episode loten die Gastgeber mit Dennis Rink aus, wie ein großes Regionalmedienhaus versucht, die Themen der Menschen vor Ort aufzugreifen und zugleich wirtschaftlich zu bestehen. Dabei wird die Annahme, dass Lokalmedien eine zentrale Rolle für die Demokratie spielen, als selbstverständlich gesetzt. Die Diskussion kreist um die Frage, wie man auf verschiedenen Kanälen ein heterogenes Publikum erreicht, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu verspielen. Rink beschreibt einen Ansatz, der sich stark an Nutzerbedürfnissen orientiert. Der Journalismus solle sich nicht länger anmaßen, den Leuten zu erklären, was sie zu interessieren habe, sondern sein Ohr daran haben, was sie tatsächlich umtreibe.
Zentrale Punkte
- Lokaljournalismus als Demokratieanker Lokaljournalismus sei mehr als nur die Bühne für Volontäre, er sei zentral für die Demokratie. Nur durch die Arbeit der Redaktionen vor Ort komme man lokalen Missständen auf die Spur, wie Rink am Fall des Mainzer Sportvereins schildere, wo kritische Berichterstattung ein undurchsichtiges Honorarsystem aufgedeckt habe.
- Nutzerbedürfnisse steuern die Inhalte Das User-Needs-Modell unterteile Artikel in Kategorien wie „Klär mich auf“ oder „Inspiriere mich“. Diese Orientierung an den Grundbedürfnissen der Lesenden sei elementar. Inhalte würden nicht nur anders aufbereitet, sondern entlang des vermuteten Tagesverlaufs der Nutzer:innen zu bestimmten Uhrzeiten digital ausgespielt, um maximale Wirkung zu erzielen.
- KI als Hilfswerkzeug, nicht als Autorin Künstliche Intelligenz werde ausschließlich für unterstützende Aufgaben wie das Redigieren oder das Erstellen von SEO-Überschriftenvorschlägen genutzt. Die Schöpfung von Inhalten bleibe menschlichen Journalist:innen vorbehalten. Rink argumentiere, dass Recherche, Netzwerk und das Einordnen von Themen exklusive menschliche Fähigkeiten seien, für die Leser:innen auch zu zahlen bereit seien.
- Die Mühen der digitalen Monetarisierung Der Versuch, digitalen Journalismus zu finanzieren, sei schwierig. Früher habe die Branche Inhalte verschenkt, und die Zahlungsbereitschaft sei bis heute gering. Digitale Abos führten oft nicht zu langfristigen Bindungen, da viele Nutzer:innen zum nächstmöglichen Zeitpunkt wieder kündigten, anders als beim früheren Print-Abonnement.
Einordnung
Die Episode liefert einen aufschlussreichen Praxisbericht aus der Führungsetage eines Medienhauses. Die Stärke liegt in den sehr konkreten Einblicken in die redaktionelle Strategie: Das User-Needs-Modell wird nicht nur als Schlagwort verwendet, sondern seine operative Umsetzung in der täglichen Planung wird nachvollziehbar erklärt. Auch die Schilderung der Gratwanderung, als kritischer Lokalreporter gegen Widerstände zu berichten, verleiht dem Gespräch Authentizität und unterstreicht die demokratische Funktion des Lokaljournalismus.
Die Ausführungen bleiben allerdings ganz in der Logik des Medienmanagements und der Vermarktung verhaftet. Die Perspektive der Leser:innen oder der Zivilgesellschaft, was guter Lokaljournalismus über die reine Zahlungsbereitschaft hinaus leisten soll, spielt kaum eine Rolle. Die starke Betonung des Nutzerbedürfnis-Modells erscheint als neutrale, datengestützte Strategie; die Kehrseite, dass rein nachfrageorientierter Journalismus wichtige, aber weniger populäre Themen verdrängen könnte, wird nicht problematisiert. Zudem werden die wirtschaftlichen Zwänge und die Konzentration im Zeitungsmarkt zwar benannt, aber nicht als mögliche strukturelle Fesseln für die eigene Arbeit zur Diskussion gestellt. Sprache und Argumentation bewegen sich durchgängig im liberalen Mainstream. Begriffe aus dem rechten Spektrum spielen keine Rolle.
Ein Satz von Dennis Rink verdeutlicht die unternehmerische Perspektive, die das Gespräch prägt: „Wir merken aber schon, je relevanter die Themen sind für die Menschen und das ist nicht immer dieser abgehobene Journalismus mit einer gewissen Flughöhe, sondern das sind Themen, die im Idealfall die Fragen beantworten, die sich die Menschen vor Ort stellen, weil es eben ihnen beim letzten Spaziergang aufgefallen ist oder weil sie dort eine Wahrnehmung haben, die sie dann eben mit uns teilen oder bei uns die Antwort dazu finden.“ (Dennis Rink)
Hörempfehlung: Für alle, die sich für die praktische Seite des Medienwandels in Regionalverlagen interessieren, bietet die Folge einen geerdeten Einblick fernab großer Medientheorie.
Sprecher:innen
- Dennis Rink – Chefredakteur der VRM, verantwortlich für zahlreiche Lokalzeitungen und Digitalangebote in Rheinland-Pfalz und Hessen
- Prof. Dr. Tanjev Schultz – Journalismusforscher an der Uni Mainz und ehemaliger Redakteur der Süddeutschen Zeitung
- Dr. Markus Wolsiffer – TV-Journalist, Reporter und Moderator, vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig