In dieser Folge des Wirtschaftspodcasts der Rosa-Luxemburg-Stiftung spricht Sabine Nuss mit der Soziologin Nicole Mayer-Ahuja über ihr Buch "Klassengesellschaft akut". Ausgangspunkt des Gesprächs ist die These, dass der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit das zentrale Merkmal der modernen Gesellschaft sei – ein Konflikt, der in der öffentlichen Debatte aber oft unsichtbar gemacht werde. Mayer-Ahuja definiert die arbeitende Klasse nicht als eine Gruppe mit bestimmten Berufen oder Einkommen, sondern als ein soziales Verhältnis: als die Seite all jener, die gezwungen seien, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ausgehend von dieser Bestimmung wird verhandelt, wie Konkurrenz innerhalb dieser Klasse von Unternehmen und Politik bewusst vertieft werde und wie eine gemeinsame Interessenvertretung dennoch möglich sein könnte.

Zentrale Punkte

  • Klasse ist ein Verhältnis, keine Schublade Mayer-Ahuja kritisiere soziologische Modelle, die Klassen als starre Kategorien abbildeten. Der fundamentale Gegensatz liege zwischen jenen, die Arbeitskraft kaufen, und jenen, die sie verkaufen müssen. Dieses spannungsreiche Verhältnis sei dynamisch und verändere sich ständig, was den Begriff der "Klassenformierung" zentral mache.
  • Die arbeitende Klasse ist gewachsen und extrem vielfältig Heute seien über 92% der Erwerbstätigen abhängig beschäftigt. Zur arbeitenden Klasse gehörten zudem Kinder, Rentner:innen oder zeitweise nichterwerbstätige Sorgearbeitende. Diese Vielfalt – von der Reinigungskraft bis zum:r Soloselbstständigen – werde jedoch oft übersehen und durch eine verengte Vorstellung vom "Arbeiter im Blaumann" verdeckt.
  • Spaltung wird durch Konkurrenz erzeugt, nicht durch Unterschiede Die Fragmentierung innerhalb der Klasse sei kein Zufall, sondern Resultat von Strategien der Unternehmen und einer Politik der "leeren Kassen". Rassistische Zuschreibungen und Vertragskonstrukte wie Leiharbeit würden gezielt eingesetzt, um Belegschaften zu spalten und gemeinsame Gegenwehr zu verhindern.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine analytisch scharfe und historisch fundierte Begriffsklärung. Mayer-Ahuja gelingt es, den Klassenbegriff aus der sozialromantischen Verengung auf das Industrieproletariat zu lösen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Anschaulich zeigt sie, wie unterschiedlichste Lebensrealitäten – von der hochqualifizierten Solo-Selbstständigen bis zur Minijobberin – durch die gemeinsame Abhängigkeit vom Verkauf der Arbeitskraft verbunden sind. Die empirischen Beispiele, etwa zur widersprüchlichen Nutzung von "Cultural Trainings" in internationalen Konzernen, machen die Mechanismen der Spaltung konkret nachvollziehbar.

Die Einordnung bleibt jedoch stark innerhalb eines marxistisch geprägten Analyserahmens, der als gesetzt voraussetzt, dass der Kapital-Arbeit-Gegensatz die einzige wirklich strukturierende Spaltungslinie der Gesellschaft sei. Andere vertikale Ungleichheitsachsen – etwa entlang von Staatsbürgerschaft oder formalen Bildungszertifikaten – werden analytisch dem ökonomischen Hauptwiderspruch untergeordnet. Die vorgeschlagenen verbindenden Projekte wie die "kurze Vollzeit" erscheinen zudem recht abstrakt und liefern wenig Antwort darauf, wie sie gegen die gegenwärtige politische Konjunktur konkret durchgesetzt werden könnten. Ein wirklich tiefgehendes Gegenargument gegen Mayer-Ahujas schlüssige, aber hermetische Theoriearchitektur entsteht im Interviewformat nicht.

Hörempfehlung: Ein hörenswertes Gespräch für alle, die eine trennscharfe, an Marx geschulte Definition von Klasse suchen und verstehen wollen, warum ökonomische Verhältnisse und nicht Identitäten solidarische Politik erschweren.

Sprecher:innen

  • Nicole Mayer-Ahuja – Professorin für Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft, Uni Göttingen
  • Sabine Nuss – Host des Podcasts "Armutszeugnis", Rosa-Luxemburg-Stiftung