Beim Spaziergang mit Gordon Repinski durch das sommerliche Kiew zeichnet Botschafter Heiko Thoms das Bild einer Stadt, die sich Normalität erkämpft. Die Episode stellt die Ukraine als ein Land dar, dessen Bevölkerung der russischen Aggression nicht nur militärisch, sondern auch durch das bewusste Alltagsleben Widerstand entgegensetze. Thoms schildere den vergangenen Winter als existenzielle Erfahrung systematischer Zermürbung – ausgefallene Heizungen, ständiges Generator-Dröhnen, zweistellige Minustemperaturen. Diese Kriegsverbrechen hätten jedoch den Durchhaltewillen gestärkt, nicht gebrochen.

Die Diskussion spannt einen Bogen von der mikroskopischen Gefahrenerfahrung einzelner Nächte hin zur geopolitischen Lage. Thoms beschreibe die Ukraine nicht mehr nur als Sicherheitsempfängerin, sondern als Innovationsstandort, der Drohnenkriegsführung neu erfinde und die sogenannte „Killzone" ausweite. Zugleich bremse er Erwartungen an einen schnellen EU-Beitritt: Tiefgreifende Reformen bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung seien unerlässlich. Die Ukraine erscheine als Land, das unter Druck ein eigenes Tempo und eine eigene Stärke entwickelt habe – eine Entwicklung, von der Deutschland lernen könne und müsse.

Zentrale Punkte

  • Winter als Stresstest für die Gesellschaft Der härteste Winter seit Jahrzehnten mit wochenlangen Minusgraden und gezielten Angriffen auf die zivile Energieinfrastruktur sei eine Zermürbungsstrategie gewesen, die den Widerstandswillen der Ukrainer:innen aber nicht gebrochen, sondern gefestigt habe.
  • Alltag als bewusster Widerstand Der Drang der Menschen, in Cafés zu sitzen oder ins Theater zu gehen, sei kein Verdrängen des Krieges, sondern ein „aktiver Akt des Widerstandes", mit dem die Bevölkerung zeige, dass sie sich von der russischen Aggression nicht zerstören lasse.
  • Militärische Transformation in Echtzeit Die Ukraine entwickle sich rasant vom reinen Sicherheitsempfänger zum Innovationsstandort, dessen gesamtes Waffenarsenal sich innerhalb eines Jahres grundlegend verändert habe und das nun russische Versorgungslinien tief im Hinterland effektiv angreife.
  • EU-Beitritt als langwieriger Reformprozess Einem Beitritt bis 2027 erteile Thoms eine klare Absage. Tiefgreifende Reformen bei Korruption, Rechtsstaatlichkeit und technischer Regulierung seien nötig, die nicht per Dekret mit einem festen Datum erfolgen könnten.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in ihrer atmosphärischen Verdichtung: Durch die Beschreibung des Spaziergangs durch konkrete Straßenzüge Kiews entsteht ein eindrückliches Bild vom Nebeneinander aus sommerlicher Leichtigkeit und permanenter Bedrohung. Thoms' Schilderungen der nächtlichen Angriffe und der psychischen Belastung insbesondere der ukrainischen Mitarbeiter:innen verleihen dem abstrakten Kriegsgeschehen eine unmittelbare, persönliche Dimension. Die Einordnung der militärischen und technologischen Fortschritte wird mit der skeptischen Bewertung des EU-Beitrittsprozesses ausgewogen kontrastiert, was der Episode eine seltene Mischung aus Empathie und Sachlichkeit verleiht.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Darstellung fast ausschließlich der Perspektive des Botschafters folgt, ohne dass zivilgesellschaftliche oder kritischere ukrainische Stimmen eingebunden werden. Die Annahme, dass die ukrainische Führung „vorbehaltlos und ohne Bedingungen" zu einem Waffenstillstand bereit sei, wird nicht weiter hinterfragt – obwohl die territoriale Frage und der innenpolitische Druck auf Präsident Selenskyj wesentlich komplexer sind. Auch die deutsche Rolle als Waffenlieferant und die damit verbundenen Dilemmata werden nur am Rande gestreift. Der Botschafter betont das „Lernen von der Ukraine", was wie eine Funktionalisierung ihrer Kriegserfahrung wirkt: Die Ukraine erscheint eher als Lehrstück für deutsche Resilienz denn als eigenständiger Akteur mit eigenen, möglicherweise unbequemen Forderungen.

Hörempfehlung: Eine hörenswerte Episode mit atmosphärischer Verdichtung und detaillierten Einblicken in die Lebensrealität Kiews, die das Abstraktum Krieg konkret macht.

Sprecher:innen

  • Gordon Repinski – Host des Berlin Playbook Podcast, POLITICO Executive Editor
  • Heiko Thoms – Deutscher Botschafter in der Ukraine