In dieser Sonderfolge spricht Gordon Repinski mit Rahm Emanuel, dem ehemaligen Stabschef von Barack Obama und möglichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Das Gespräch bewegt sich zwischen geopolitischer Strategie und innenpolitischer Positionsbestimmung. Es wird die Weltordnung als ein Ringen mit einem Block aus China, Russland, Iran und Nordkorea dargestellt, gegen den sich die Demokratien neu formieren müssten. Vorausgesetzt wird dabei, dass eine rein auf Verteidigung ausgelegte Sicherheitspolitik der Vergangenheit angehöre und durch ein Denken in Abschreckung und technologischer Überlegenheit ersetzt werden müsse.

Zentrale Punkte

  • Strategiewechsel zu kollektiver Abschreckung Emanuel argumentiere, die NATO müsse von einer Haltung der gemeinsamen Verteidigung zu einer der kollektiven Abschreckung übergehen. Ein durch den Ukraine-Krieg „verwundetes und gedemütigtes“ Russland stelle eine akute Gefahr dar, der man mit einer massiven Truppenverlagerung an die Ostflanke und klar definierten roten Linien begegnen müsse.
  • Kritik an Netanjahus rein militärischer Strategie Emanuel werfe dem israelischen Premier vor, die ökonomische und kulturelle Anziehungskraft des Landes – den Status als „Startup-Nation“ – zugunsten einer rein militärischen Denkweise zu opfern. Diese „Sparta“-Mentalität führe zum Verlust der öffentlichen Meinung in Europa und den USA und lasse diplomatische Chancen, etwa gegenüber dem Libanon und Syrien, ungenutzt.

Einordnung

Das Gespräch ist stark von Emanuels strategischem und präsidialem Gestus geprägt. Gordon Repinski befragt ihn konsequent als potenziellen Kandidaten, was dem Interview eine klare Rahmung gibt, aber auch den Raum für kritische Zwischenfragen begrenzt. Die Stärke liegt in der kohärenten und detaillierten Darlegung einer alternativen westlichen Sicherheitspolitik. Emanuel entwirft ein in sich geschlossenes Programm aus militärischer, ökonomischer und technologischer Neuaufstellung, das konkrete Hebel wie die IMEC-Handelsroute oder eine Internationalisierung der Straße von Hormus benennt.

Kritisch zu sehen ist, dass Emanuels Analyse unhinterfragt ein Denken in globalen Machtblöcken und die Notwendigkeit von Abschreckung als alternativlos setzt. Die europäische Perspektive wird von ihm zwar als gleichberechtigt beschworen, erscheint aber primär als Reaktion auf von den USA gesetzte Impulse – etwa die Forderung nach 5 Prozent Verteidigungsausgaben, die er zwar bejaht, aber als Ergebnis einer „Angst vor Amerika“ einordnet. Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird von ihm benannt, aber nicht grundsätzlich problematisiert. Dass die massiven Ausgabensteigerungen innergesellschaftliche Verteilungskonflikte auslösen könnten, bleibt unausgesprochen. Für die Analyse seiner Argumentationsweise aufschlussreich ist folgendes Zitat über den israelischen Premier: „When you have a hammer, everything's a nail“, womit Emanuel Netanjahus rein militärische Weltsicht als intellektuelle Beschränkung entlarvt.

Hörempfehlung: Für alle, die die außenpolitische Programmatik der US-Demokraten jenseits der Tagespolitik verstehen wollen, ein aufschlussreiches und dichtes Gespräch.

Sprecher:innen

  • Gordon Repinski – Chefredakteur POLITICO Deutschland und Host des Podcasts
  • Rahm Emanuel – Ehemaliger Stabschef von Barack Obama, früherer Bürgermeister von Chicago