In dieser Episode des Medienmagazins besucht Teresa Sickert das Berliner Hauptstadtstudio von RTL und ntv. Der Anlass: Vor einigen Monaten wurden bei RTL News massiv Stellen gestrichen – ein Teil davon an diesem Standort. Im Gespräch mit Studioleiter Thomas Präkelt und der stellvertretenden Leiterin Sina Burmeister geht es um die Frage, wie der Sparkurs mit dem journalistischen Auftrag zusammenpasst.
Die Diskussion wird vor allem von einem Gedanken bestimmt: Wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Kürzungen seien nicht allein eine Folge von KI, sondern einer allgemein schwierigen Wirtschaftslage geschuldet, der sich auch die Medienbranche nicht entziehen könne. Journalismus wird in diesem Gespräch als ein Produkt unter vielen betrachtet, das schneller und effizienter hergestellt werden müsse – eine Sichtweise, die kaum hinterfragt wird. Dass die Menschen, die Nachrichten konsumieren, zunehmend nachrichtenmüde oder politikverdrossen sein könnten, wird zwar eingangs erwähnt, aber nicht systematisch mit dem Personalabbau in Verbindung gebracht.
Zentrale Punkte
- Kürzungen als Modernisierung Die Entlassungen im Newsbereich werden als notwendige Entkrustung veralteter Strukturen dargestellt. Durch die Zusammenlegung von Redaktionen an einem zentralen Newsdesk könnten Informationen schneller fließen und Entscheidungen rascher getroffen werden, was das journalistische Produkt letztlich sogar verbessere.
- KI als Entlastungswerkzeug Künstliche Intelligenz diene nicht der Automatisierung von Journalismus, sondern solle Reporter:innen von Routinearbeiten entlasten. Dadurch bleibe mehr Zeit für Einordnung, Recherche und Investigatives, während der Mensch stets die letzte Entscheidungsinstanz bleibe.
- Multimedialer Wandel Lineares Fernsehen sei weiterhin ein starkes Leitmedium für große Ereignisse, doch die Nachrichtennutzung verteile sich zunehmend auf viele Plattformen. RTL reagiere darauf mit einer strategischen Fokussierung auf Streaming und Social Media, um auch jüngere Zielgruppen zu erreichen, die Nachrichten primär in sozialen Kanälen konsumieren.
Einordnung
Der Besuch im Hauptstadtstudio gewährt einen seltenen Einblick in die Selbstbeschreibung eines großen privaten Nachrichtenhauses unter wirtschaftlichem Druck. Die Stärke der Episode liegt darin, dass sie die Leitenden und eine Reporterin selbst ausführlich zu Wort kommen lässt und so die offizielle Strategie des Hauses klar herausarbeitet. Die Erklärungen, wie durch technische Modernisierung Prozesse beschleunigt und durch ein Verifikationsteam Qualität gesichert werden soll, sind anschaulich und nachvollziehbar. Die Besichtigung des Newsrooms und der Studios vermittelt zudem einen lebendigen Eindruck vom Arbeitsalltag.
Kritisch bleibt jedoch die Rahmung des gesamten Umbaus als quasi naturgegebener, alternativloser Prozess. Dass technologischer Wandel und wirtschaftlicher Druck zu Entlassungen führen, wird als branchenüblich normalisiert. Die Perspektive, dass Journalismus mehr sein könnte als ein effizient herzustellendes Gut und dass weniger Personal auch konkrete Einbußen bei Recherchetiefe, Themenvielfalt oder der Betreuung von freien Mitarbeiter:innen bedeuten kann, wird nicht eigenständig thematisiert. Die Moderatorin hakt zwar einmal nach, ob der Newsbereich die richtige Sparte zum Kürzen sei, akzeptiert aber umgehend die Antwort, dass lediglich Abläufe „entkrustet“ worden seien. Dass der Verweis auf eine fehlende Monetarisierung sozialer Plattformen die strukturelle Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen als scheinbar unveränderbar hinstellt, bleibt dabei weitgehend unhinterfragt. So hörte man hier vor allem die harmonisierte Darstellung eines Unternehmens im Wandel, nicht aber die Reibungen und offenen Fragen, die ein solcher Umbau zwangsläufig mit sich bringt.
Hörempfehlung: Für Medieninteressierte, die die strategische Kommunikation eines großen Privatsenders zum Thema Stellenabbau und Digitalisierung kennenlernen wollen, bietet die Episode aufschlussreiches Material.
Sprecher:innen
- Teresa Sickert – Moderatorin des Medienmagazins bei Radio 1
- Thomas Präkelt – Studioleiter des RTL/ntv-Hauptstadtstudios in Berlin
- Sina Burmeister – Stellvertretende Leiterin des RTL/ntv-Hauptstadtstudios
- Nadine Toroksel – Chefreporterin Politik im RTL/ntv-Hauptstadtstudio
- Timon Aretz – Leiter von ntv Digital (ntv.de)