In diesem Expert:innen-Gespräch diskutieren der Moderator und die Psychotherapeutin Carmen Unterholzer die historische Vernachlässigung und das aktuelle Potenzial der systemischen Gruppentherapie. Der Diskurs ist stark von einem Empowerment-Narrativ geprägt, das die Patient:innen als handlungsfähige Akteur:innen zentriert. Auffällig ist, wie gesellschaftliche Phänomene – etwa eine zunehmende Individualisierung und Vereinsamung – als unhinterfragte Prämissen gesetzt werden, auf die das Gruppensetting als quasi-natürliches therapeutisches Heilmittel funktioniere. Das Gespräch verhandelt Gruppentherapie somit nicht nur als klinische Methode, sondern als soziale Intervention gegen moderne Lebensrealitäten. ### Zentrale Punkte * **Lücke in der Systemik-Ausbildung** Unterholzer schildert, dass das Mehrpersonensetting in der systemischen Ausbildung paradoxerweise lange ausgeklammert worden sei, was sie zur Entwicklung eigener Curricula motiviert habe. * **Therapeutische Dezentrierung** In Gruppen entstünden besondere Wirkeffekte, da die Teilnehmenden als Erfahrungsexpert:innen fungierten; ihre Beiträge besäßen oft mehr Gewicht als klassische therapeutische Interventionen. * **Umdeutung von Gruppenkonflikten** Die verbreitete Angst von Therapeut:innen vor eskalierender Dynamik sei unbegründet, da Konflikte bei professioneller Moderation als wertvolle Entwicklungschancen gerahmt werden könnten. ### Einordnung Das kollegiale Gespräch besticht durch praxisnahe Einblicke und bricht klassische therapeutische Hierarchien diskursiv auf, indem es das Wissen der Gruppe über die Autorität der Behandelnden stellt. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Diskussion fast ausschließlich im systemimmanenten Konsens verbleibt; mögliche Grenzen oder Kontraindikationen der Methode bleiben unerwähnt. Auffällig ist zudem, wie der Moderator die Etablierung des Settings ökonomisiert, wenn er anmerkt, dass Gruppentherapie „sehr attraktiv ist, weil es besser honoriert wird als Einzeltherapie“. So wird eine rein marktwirtschaftliche und bürokratische Logik im Gesundheitswesen als unhinterfragter Standard für professionelle Entscheidungen normalisiert. ### Sprecher:innen * **Moderator** – Host des Podcasts, vertritt die Perspektive niedergelassener Therapeut:innen * **Dr. Carmen Unterholzer** – Psychotherapeutin, Lehrtherapeutin (ÖAS) und Fachbuchautorin