In dieser Episode von The Rest Is Politics verhandeln Alastair Campbell und Rory Stewart die transatlantischen Spannungen nach Friedrich Merz’ öffentlicher Kritik an Donald Trumps Iran-Politik. Im Zentrum steht die Darstellung, dass es keine erfolgreiche Strategie der Annäherung an Trump geben könne – das Konzept des „Trump-Flüsterers“ sei gescheitert. Die Diskussion setzt US-Truppen in Europa als unverzichtbares Element der Sicherheitsarchitektur voraus, stellt aber zugleich die Frage, wessen Interessen diese Präsenz eigentlich primär diene.

Ein zweiter Schwerpunkt ist die erwartete schwere Niederlage von Labour bei den anstehenden Kommunal- und Regionalwahlen. Campbell und Stewart deuten die Prognosen als Beleg für eine dauerhafte Zersplitterung des britischen Parteiensystems und bringen eine mögliche Ablösung von Premierminister Keir Starmer ins Spiel. Auffällig ist zudem die scharfe Kritik an einer medialen Doppelmoral: Während Labour-Politiker für kleinere Vergehen skandalisiert würden, bleibe Nigel Farage mit einer intransparenten Millionen-Spende weitgehend unbehelligt – ein Zeichen für eine schleichende Normalisierung rechtspopulistischer Methoden.

Zentrale Punkte

  • Das Ende der „Trump-Flüsterer" Merz‘ harscher Ärger über Trump zeige, dass alle europäischen Versuche, den US-Präsidenten durch gezielte Schmeichelei diplomatisch zu zähmen, letztlich immer scheitern würden. Man könne Trump nie dauerhaft besänftigen.
  • Amerikas Truppenabzug als Selbstschädigung Die angekündigte Reduzierung von 5.000 US-Soldaten in Deutschland sei eine spontane, rachsüchtige Reaktion Trumps. Diese schwäche aber nicht nur die europäische, sondern fundamental auch die amerikanische Sicherheit, da viele US-Militäreinrichtungen in Deutschland zentral für weltweite Operationen der USA seien.
  • Labour vor historischem Erdrutsch Bei den Wahlen könnte Labour über tausend Mandate verlieren, was einen noch nie dagewesenen Einbruch bedeuten würde. Das eigentliche Problem sei jedoch nicht nur die Niederlage selbst, sondern dass die Partei gleichzeitig von links-grünen Kräften und vom Rechtspopulismus der Reform-Partei aufgerieben werde.
  • Farages Sakrosankt-Status Nigel Farage habe eine 5-Millionen-Pfund-Spende eines Krypto-Milliardärs nicht korrekt deklariert, was bei jedem Labour-Politiker einen Aufschrei in den Medien verursachen würde. Die fehlende Empörung wird als Beleg dafür gesehen, dass für vermeintliche Anti-Establishment-Figuren andere moralische Maßstäbe gelten und die Öffentlichkeit so an Trump-artige Vetternwirtschaft gewöhnt wird.

Einordnung

Das Gespräch gewinnt seine Stärke aus der Verknüpfung von geopolitischer Analyse und innenpolitischem Kalkül. Stewart liefert einen nuancierten Einblick in die strukturelle Abhängigkeit der USA von ihren deutschen Stützpunkten und stellt die Frage, ob diese Basen für Europa ohne Schutzgarantie überhaupt noch einen Wert darstellen. Der Vergleich zwischen Merz‘ und Starmers prekärer Lage als unbeliebte Technokraten, die an internen Koalitionsquerelen und mangelnder Kommunikation scheitern, ist differenziert und fruchtbar. Campbells augenscheinliche Verzweiflung über die unkritische Haltung der Medien gegenüber Farage lenkt den Fokus auf die Mechanismen politischer Normalisierung von Missständen.

Die Einordnung bleibt jedoch in einigen selbstverständlich gesetzten Prämissen gefangen. So wird Trumps Drohung, Truppen abzuziehen, primär als impulsive Rache oder Ergebnis von Putins Einflüsterungen diskutiert, nicht aber als logische – wenn auch drastische – Fortführung einer jahrzehntealten amerikanischen Forderung nach fairer Lastenteilung in der NATO. Zudem wird die Bedrohung durch die AfD in Deutschland und Reform UK zwar als Gefahr benannt, aber die ökonomische Erklärung (steigende Inflation und Wirtschaftsflaute wegen der Iran-Blockade) dient eher dazu, den Aufstieg der Ränder fast entschuldbar erscheinen zu lassen, anstatt deren demokratiefeindliche Kernelemente in den Vordergrund zu stellen. Campbells und Stewarts eigene Fantasien über einen Labour-Putsch wirken zudem sehr westminsterzentriert, fast wie ein spannendes Gedankenspiel für politische Insider.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine kompakte Einordnung der akuten transatlantischen Krise und der britischen Parteienkrise aus der Perspektive zweier Westminster-Insider suchen.

Sprecher:innen

  • Alastair Campbell – Ehemaliger Kommunikationschef von Tony Blair, politischer Kommentator
  • Rory Stewart – Ehemaliger konservativer Minister, Autor und Entwicklungsexperte