Elon Musk wird häufig als Person diskutiert – seine Eskapaden, seine politischen Wendungen, sein Reichtum. In dieser Episode geht es um mehr: Ben Tarnoff und Quinn Slobodian stellen ihr Buch "Muskism" vor, in dem sie Musk nicht als isoliertes Phänomen behandeln, sondern als Galionsfigur eines sich formierenden Wirtschaftssystems. Ihre zentrale Annahme: So wie Henry Ford im 20. Jahrhundert nicht nur für ein Produktionsmodell, sondern für eine umfassende Gesellschaftsordnung stand, lasse sich auch an Musk ein kohärentes System ablesen. Dieses "Muskism" sei das Angebot von Souveränität durch Technologie – für Einzelne wie für Staaten. Wer sich in Musks Infrastrukturen einklinke, sichere sich Selbstständigkeit, erkaufe diese aber mit neuer Abhängigkeit. Das Gespräch kreist um die Frage, was dieses System zusammenhält, wer von ihm profitiert und warum es so instabil ist.

Zentrale Punkte

  • Souveränität als Produkt Musk verkaufe nicht Autos oder Raketen, sondern das Versprechen, dass Individuen und Nationalstaaten durch seine Technologien unabhängiger würden. Tatsächlich führe diese Einbindung aber in eine verstärkte Abhängigkeit von ebenjenen Infrastrukturen, die er kontrolliere.
  • Dünner Gesellschaftsvertrag Im Gegensatz zum Fordismus, der auf Massenproduktion und Massenkonsum mit relativ hohen Löhnen setzte, fehle dem Muskism ein stabiles gesellschaftliches Gegenüber. Musk sehe soziale Zustimmung weniger materiell begründet, sondern als Ergebnis erfolgreicher Beeinflussung durch Memes im Internet.
  • Der Staat als fehlerhafter Computer Musks Weltbild sei durch und durch digital geprägt: Er betrachte Regierungen, Unternehmen und sogar Menschen als programmierbare Computer. Daraus speise sich die Überzeugung, politische Probleme seien im Kern Softwarefehler, die sich durch technische Eingriffe beheben ließen.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in ihrem systematischen Zugriff. Anstatt Musk psychologisch zu deuten, wird er als Indikator für breitere wirtschaftspolitische Strömungen der letzten 40 Jahre gelesen – von der Hochphase der Globalisierung bis zum neuen Nationalismus. Das Konzept "Muskism" erzeugt eine wertvolle analytische Distanz und macht strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Musks Unternehmungen und heutigen Staatsinteressen sichtbar, etwa wenn seine Gigafactories sowohl chinesischen als auch deutschen Wirtschaftsinteressen dienen. Die Gastgeber-Dynamik trägt zur Klärung bei: Paris Marx’ gezielte Skepsis zwingt die Autoren, ihre Thesen auszubuchstabieren, etwa die zunächst gewagt erscheinende Idee, dass Musks Rechtsruck wesentlich durch die Konkurrenz von "woker" und "anti-woker" KI motiviert sei.

Allerdings reproduziert der analytische Fokus auf Musk als "Avatar" eines Systems unbeabsichtigt eine Großerzählung, die Musks Vordenkerrolle zementiert. Andere Wirtschaftsakteure verfolgen ähnliche Strategien der vertikalen Integration und der Vermarktung von Souveränität, ohne dass dies auf Musk zurückgeführt werden müsste. Die interessante Beobachtung, dass Musk teils vorauseilte, wo andere erst später folgten, wird nicht konsequent mit Gegenbeispielen abgeglichen. Zudem bleibt die Frage, ob ein System, dessen sozialer Vertrag so "dünn" ist, überhaupt als Epochenbegriff taugt. Ein Zitat bringt das problematische Menschenbild auf den Punkt: Musk verstehe Menschen "as essentially downstream of the internet, such that if you meme successfully, you should be able to secure social consent" (Menschen als dem Internet nachgelagert, sodass erfolgreiches Memen soziale Zustimmung sichere). Diese Logik, so die Autoren, sei "not the kind of material basis on which stable social settlements have been historically developed".

Sprecher:innen

  • Ben Tarnoff – Autor von "Internet for the People", schreibt über Technologie und Gesellschaft
  • Quinn Slobodian – Professor für internationale Geschichte an der Boston University, Autor von "Crack-Up Capitalism"
  • Paris Marx – Host von Tech Won't Save Us, kritischer Technologie-Journalist