Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz nehmen sich in dieser Folge das Buch „Links Deutsch, Deutsch Links“ vor, herausgegeben von Pauline Foss und Julian Reichelt. Es handle sich um ein Wörterbuch, das vermeintlich linke Begriffe auflistet und erklären soll. Die Moderatoren interessieren sich weniger für eine inhaltliche Widerlegung als für die Machart und die unhinterfragten Voraussetzungen des Projekts. Sie deuten das Buch als eine Art Gründungsdokument einer möglichen schwarz-blauen Koalition, die nicht auf Programmatik, sondern auf einer gemeinsamen Feindmarkierung beruhe. Die zentrale Prämisse – „Nichts ist mächtiger als Sprache und die politisch mediale Sprache in Deutschland ist links“ – greife dabei eine These auf, die eigentlich aus der linken Theorie stamme, und wende sie für rechte Zwecke.
Zentrale Punkte
- Wörterbuch als Formverletzung Das Buch nutze das Format des Wörterbuchs, erfülle aber dessen Funktion nicht. Es fehle an Herkunftsnachweisen, Historisierung und Belegen für die Begriffe. Die Einträge seien nicht dazu gedacht, Verständnisfragen zu klären, sondern böten eine „selbstverklärende Sprachsammlung“ ohne Zusammenhang, die man wahllos aufschlagen könne.
- Übernahme der Sprachmacht-Prämisse Die Herausgeber behaupteten, Sprache sei das entscheidende Machtinstrument und in Deutschland links dominiert. Damit übernähmen sie eine Prämisse aus dem linken Linguistik-Diskurs, ohne jedoch an den materiellen Verhältnissen etwas ändern zu wollen. Soziale Fragen, Umverteilung oder das Verhältnis von Kapital und Arbeit kämen im Buch nicht vor.
- Blasensprache ohne Realitätsbezug Viele der aufgelisteten Begriffe begegneten einem im Alltag gar nicht. Es handle sich um eine „autosynkratische Sprache“ eines abgeschlossenen Milieus, das keinen Kontakt zur Gesellschaft suche. Empirisch seien zahlreiche Einträge schlicht falsch, etwa wenn „Transfrau“ mit „Mann“ erklärt werde oder Faktenchecker pauschal als Regierungsinstrument dargestellt würden.
Einordnung
Die Stärke der Podcast-Folge liegt in der Analyse des Buchs als sprachliches und politisches Phänomen. Schmitt und Schulz arbeiten überzeugend heraus, dass das Format „Wörterbuch“ hier eine doppelte Täuschung ist: Es gibt vor, neutral zu erklären, betreibt aber durch die bewusste Auslassung von Herkunft und Kontext eine Entpolitisierung, die selbst hochpolitisch ist. Der Hinweis, dass das Buch aus einer völlig geschlossenen Blase stamme, deren Sprache kaum gesellschaftliche Resonanz finde – symbolisiert am Offenbach-Vergleich –, ist ein produktiver Impuls, der vor Überschätzung warnt.
Die Analyse lässt jedoch eine genauere Auseinandersetzung mit der Funktion dieser Sprache vermissen. Dass die Autor:innen mit Begriffen wie „Transfrau = Mann“ gezielt Menschengruppen die Existenz absprechen, wird als hassgetrieben benannt, aber nicht daraufhin befragt, wie hier durch scheinbar sachliche Wörterbuch-Einträge eine Normalisierung menschenfeindlicher Positionen betrieben wird. Zudem bleibt offen, warum der Verkaufserfolg des Buches so eingeordnet wird, als sei er in Offenbach undenkbar – dabei zeigen die Bestsellerlisten, dass die Zielgruppe durchaus existiert. Ein Zitat verdeutlicht den sprachlichen Befund: „Wir haben keinen Kontakt zur Gesellschaft, sondern alles, was sie von der Gesellschaft sehen, in ihrer eigenen Sprache reformulieren und gar nicht mehr sich irritieren lassen.“
Sprecher:innen
- Wolfgang M. Schmitt – Podcaster, Filmkritiker und politischer Analyst
- Stefan Schulz – Soziologe, Publizist und Co-Host des Podcasts