Steigende Preise entfalten eine einzigartige politische Sprengkraft – das wurde 2022 schmerzhaft klar, und 2025 wiederholt sich das Muster. Der:die Autor:in von „The Cross Section“, einem politikanalytischen Newsletter mit dem Anspruch, die verstörenden Innereien der Macht zu sezieren, greift die aktuellen Reaktionen auf Inflation und hohe Spritpreise an. Im Fokus: Donald Trumps Vorschlag, die Bundesbenzinsteuer von 18,4 Cent pro Gallone auszusetzen, und die Steuersenkungsfantasien einiger prominenter Demokrat:innen. Beides wird als Paradebeispiel politischer Dummheit vorgeführt.
Trumps Steueraussetzung sei weder praktikabel noch politisch wirksam. Da der Kongress solche Pläne nie umsetzt und die Mineralölindustrie den Vorteil vermutlich einbehalten würde, bliebe der Effekt an der Zapfsäule unsichtbar. Selbst bei vollständiger Weitergabe wären 18 Cent bei einem Gallonenpreis von 4,50 Dollar psychologisch wertlos: „Wenn Sie dann 4,32 Dollar zahlen, sagen Sie dann: ‚Wow, das ist jetzt so billig! Danke, Präsident Trump!’? Natürlich nicht.“ Der eigentliche Grund für den Preisanstieg wird klar benannt: Trumps unpopulärer Krieg gegen den Iran, den die Wähler:innen nun direkt im Geldbeutel spüren. Eine CNN-Umfrage stützt diese Sicht: 77 Prozent sagen, Trumps Politik habe die Lebenshaltungskosten erhöht, seine wirtschaftspolitische Zustimmung liegt bei nur 30 Prozent – ein Karrieretief.
Noch mehr echauffiert sich der Newsletter über das, was er als „dummen Zug“ der Demokrat:innen bezeichnet. Senator:innen wie Cory Booker und Chris Van Hollen, Gouverneurskandidatin Katie Porter und andere schlagen vor, Einkommen bis zu bestimmten Grenzen (75.000, 46.000 oder 100.000 Dollar) von der Steuer zu befreien. Das klinge progressiv, sei aber ein kapitaler Fehler: Es akzeptiere die konservative Prämisse, dass Steuern per se schlecht seien, und entziehe dem Staat Mittel für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Stattdessen sollten Liberale behaupten, Steuern seien notwendig und fair, wenn alle, besonders die Reichen, ihren Beitrag leisten. Doch der Ratschlag geht weiter: Gegenwärtig brauchen Demokrat:innen gar keine Lösung. Es reiche, die Wut der Bürger:innen auf Trump und die Republikaner zu lenken: „Es genügt zu sagen: ‚Seht, wie schlimm die Dinge sind! Das ist alles Trumps Schuld! Schmeißt die Gauner raus!’ Das wird funktionieren.“ Langfristige Konzepte wie ein funktionierendes Gesundheitssystem oder mehr Wohnraum könnten warten, bis man wieder regiere.
Einordnung
Der Text ist ein pointiertes Stück politischer Strategieberatung, das sich selbst als Entlarvungsjournalismus inszeniert. Die Analyse lebt von einer klaren Perspektive: die Wählerschaft als irrationale, wutgetriebene Masse, die keine Sachlösungen will, sondern bloß Sündenböcke. Diese zynische Prämisse blendet aus, dass echte Verbesserungen der Lebensverhältnisse oft detaillierte, langfristige Politik benötigen und eine reine Schuldzuweisungsstrategie das Vertrauen in demokratische Prozesse weiter aushöhlen könnte. Zudem werden ökonomische Komplexitäten – etwa globale Lieferketten oder OPEC-Entscheidungen – zugunsten einer einfachen Kriegs-Schuld-Erzählung übergangen. Die implizite Forderung, die Demokrat:innen sollten sich aufs Opponieren ohne konstruktiven Gegenentwurf beschränken, stärkt eine populistische Logik und normalisiert die Politikverachtung.
Für Leser:innen, die sich für US-amerikanische Wahlkampf rhetorik und die innere Zerrissenheit der Demokratischen Partei interessieren, ist der Newsletter eine anregende, streitbare Lektüre. Wer allerdings eine ausgewogene wirtschaftspolitische Analyse erwartet, wird enttäuscht. Es bleibt eine kluge, aber auch selbstgefällige Polemik.