Ellen Cositzer und Emilietta Bell starten ihren neuen Literatur-Podcast mit einem bemerkenswerten Buch: Millay Hyatts „Wie viele Tage muss ich gehen?“ – ein Reisebericht einer amerikanischstämmigen Philosophin, die zu Fuß von Berlin Richtung Osten wandert und bei Fremden unterkommt. Die beiden Gastgeberinnen, beide im Umfeld der neurechten Zeitschrift Sezession aktiv, besprechen das Buch einer Autorin, die sie politisch im linken Spektrum verorten. Gerade diese Konstellation macht die Episode zum Anschauungsobjekt: Wie sprechen rechte Intellektuelle über eine linke Autorin, deren Beobachtungsgabe und Schreibkunst sie schätzen, deren politische Rahmung sie jedoch ablehnen? Dass das Buch der eigenen politischen Blase überhaupt so viel Aufmerksamkeit und Respekt entgegenbringt, wird als Ausnahme und als Qualitätsmerkmal markiert – eine Haltung, die man sich umgekehrt von der Gegenseite nicht erwarte.
Die Diskussion ist getragen von der impliziten Annahme, dass David Goodharts Unterscheidung zwischen kosmopolitischen „Anywheres“ und verwurzelten „Somewheres“ eine zutreffende Beschreibung gesellschaftlicher Spaltungen liefere. Begriffe wie „Raumschiff Berlin“ für die als entkoppelt wahrgenommene Hauptstadt oder das „rechte Dissidentenlager“ als Selbstbezeichnung setzen einen spezifischen Deutungsrahmen, der im Gespräch nicht mehr hinterfragt wird.
Zentrale Punkte
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Lob für Beobachtungsgabe trotz politischer Ferne Die Sprecherinnen würdigen Hyatts präzisen Blick und ihren mitreißenden Stil; sie sei eine „hellwache Reisende“, deren Offenheit und Selbstironie selbst dann ein Lektüregewinn bleibe, wenn sie politisch „in ihrer Bubble“ verharre und die Grenze zu konservativen Milieus nie wirklich überschreite.
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Kritik an unvollendeter Grenzüberschreitung Hyatt werde zwar mehrfach mit dem Phänomen hoher AfD-Wahlergebnisse konfrontiert, verbleibe aber stets in Milieus linker Wohnprojekte; Cositzer bedauere, dass die erhoffte Begegnung mit „Somewheres“ am Küchentisch ausbleibe und die Autorin sich der Konfrontation mit abweichenden Lebenswelten nicht wirklich aussetze.
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Das Buch als Prüfstein für Diskursfähigkeit Bell betone, man könne „Gott sei Dank ganz gut trennen“ und lese das Buch mit Gewinn, während Cositzer das Unbehagen formuliere, dass eine linke Autorin diese Wertschätzung vielleicht gar nicht verdiene – eine Asymmetrie, die beide als typisch für die mangelnde Reziprozität im Kulturbetrieb beschreiben.
Einordnung
Die Episode besticht durch eine ruhige, zugewandte Gesprächsatmosphäre und die Bereitschaft, einem politisch fernstehenden Werk mit Neugier und sogar Wohlwollen zu begegnen. Cositzer und Bell legen ihre eigenen Voraussetzungen offen und zeigen sich als Leserinnen, die ästhetische Qualität nicht mit politischer Gesinnung gleichsetzen. Ihre detaillierten Beobachtungen zu Hyatts Stil, ihrer Erzähltechnik und den philosophischen Referenzen zeugen von ernsthaftem literarischem Interesse.
Allerdings wird die eigene politische Positionierung – etwa die Goodhart-Unterscheidung oder das Konzept eines „rechten Dissidentenlagers“ – als selbstverständlicher Analyserahmen gesetzt, ohne die Begriffe selbst zu problematisieren. Die Sehnsucht nach einer Begegnung mit „AFD-Wählern“ oder „Somewheres“ verrät ein spezifisches Projekt: Man wünscht sich von der Autorin eine Form der Anerkennung oder zumindest Auseinandersetzung, die die eigene Weltsicht ernst nimmt. Dass diese Auseinandersetzung ausbleibt, wird weniger als konzeptionelle Entscheidung denn als politisch bedingte Scheu der Autorin gedeutet. Gewöhnungsbedürftig bleibt die Selbstverständlichkeit, mit der das Publizieren im Antaios-Verlag – der auch „den letzten Scheiß“ verkaufe – als normaler Geschäftsbetrieb dargestellt wird.
Sprecher:innen
- Ellen Cositzer – Literaturredakteurin und Autorin der Zeitschrift Sezession
- Emilietta Bell – Pädagogin, Autorin für Sezession und das Magazin Aster