Wolfgang Heim spricht mit der Historikerin Katja Hoyer über ihr neues Buch „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte“ und ihre Sicht auf die deutsche Gesellschaft. Hoyer lebt seit über 15 Jahren in Großbritannien und beschreibt, wie sich der Blick von außen auf Deutschland verändert habe: Auffällig sei eine wachsende Wut in der Bevölkerung, die sie jedoch nicht als Politikverdrossenheit deute, sondern als gesteigertes Diskussionsbedürfnis. Die Gründe dafür verortet sie unter anderem in einer Kommunikationsstörung zwischen Politik und Gesellschaft. Zugleich schildert sie ihre eigene Kindheit im Osten nach der Wende als eine DDR-ferne, stark verwestlichte Erfahrung – frei von Nostalgie, geprägt von sozialen Brüchen und Gewalt durch Rechtsextreme. Historisches Verstehen dient Hoyer als Werkzeug, um gegenwärtige demokratische Gefährdungen einzuordnen, wobei sie konkrete Lebenswelten anstelle abstrakter Geschichtserzählung in den Mittelpunkt stellt.
Zentrale Punkte
- Wütend, aber nicht verdrossen Die deutsche Gesellschaft sei deutlich aufgebrachter geworden, so Hoyer, doch die Menschen wollten diskutieren und ihre Meinung beitragen. Das spiegele sich in gut besuchten Veranstaltungen wider und zeige kein Desinteresse an Politik.
- Kommunikationsstörung als beidseitiges Problem Politiker:innen kapselten sich zu stark von der Gesellschaft ab, etwa durch das Meiden sozialer Medien oder kuratierte Veranstaltungen ohne Publikumsbeteiligung. Dadurch fehle ihnen ein Gespür für die Stimmung im Land.
- DDR-Erfahrung ohne Nostalgie, aber mit Brüchen Hoyer schildert ihre Kindheit nach der Wende als geprägt von rascher Verwestlichung und dem Verschwinden der DDR aus dem Alltag. Politische Verortung in der Jugend habe sich aus der Ablehnung rechter Gewalt gespeist, nicht aus linker DDR-Nähe.
- AfD-Erfolge als sozioökonomische Frage, nicht als Ost-Phänomen Die Wahlerfolge der AfD seien weniger eine späte Rache des Ostens als vielmehr ein Phänomen, das sich ähnlich in Österreich oder Frankreich zeige und vor allem mittlere und untere Schichten anspreche.
Einordnung
Das Gespräch gewinnt vor allem dort an Tiefe, wo Hoyer ihre mikrohistorische Methode erläutert: Anhand der Tagebücher eines Weimarer Bürgers zeigt sie, wie Menschen das Grauen des Nationalsozialismus zwar wahrnahmen, aber psychologisch von sich abspalteten. Diese Konkretion macht Geschichte greifbarer als abstrakte Systemanalysen. Auch Hoyers Blick auf die deutsche Debattenkultur ist mehr als nur eine Außenbeobachtung – sie beschreibt eine grundlegende Kommunikationsstörung, ohne in einfache Schuldzuweisungen an Politik oder Bevölkerung zu verfallen. Ihre Einordnung der ostdeutschen Erfahrung bricht mit gängigen Narrativen von Nostalgie oder Protest und öffnet den Blick für sozioökonomische Faktoren, die weit über Deutschland hinausweisen.
Wo die Episode Lücken lässt, ist die Vertiefung der kritischen Aspekte: Hoyer benennt zwar eine wachsende Wut, bleibt aber in der Analyse ihrer Ursachen an der Oberfläche. Dass sie die AfD-Erfolge als sozioökonomisches Phänomen beschreibt, übergeht Fragen nach dem Zusammenspiel von Abstiegsängsten, kulturellen Konflikten und der bewussten Radikalisierung durch politische Akteure. Auch das Fehlen der DDR in der eigenen Kindheit wird stark auf die individuelle Familie bezogen – eine systematische Einordnung, wie ostdeutsche Identitäten nach der Wende geformt wurden, unterbleibt. So wirkt manche Beobachtung eher illustrativ als analytisch. Wer eine historisch fundierte, aber persönlich erzählte Perspektive auf deutsche Befindlichkeiten sucht, findet hier gleichwohl anregendes Material.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen klugen, persönlich gefärbten Blick auf deutsche Debatten und Geschichte aus der Distanz suchen, bietet dieses Gespräch wertvolle Impulse – besonders durch die unaufgeregte Art, mit der Hoyer historische Parallelen zur Gegenwart zieht.
Sprecher:innen
- Katja Hoyer – Historikerin, Visiting Research Fellow am King’s College London, Autorin von „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte“
- Wolfgang Heim – Gastgeber von „Heimspiel – Das Interview am Sonntag“ bei Apokalypse & Filterkaffee