Die Sendung „Das Wissen" betrachtet die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern aus einer primär wissenschaftlichen und gesellschaftlich-funktionalen Perspektive. Persönliche Erzählungen von Familien werden mit Daten aus der ökonomischen und psychologischen Forschung verknüpft. Dabei wird die generationenübergreifende Betreuung als ein bedeutender, aber auch zu optimierender Faktor für das Wohlbefinden von Familien und die kognitive Gesundheit älterer Menschen dargestellt. Die unausgesprochene Prämisse ist, dass sich informelle Betreuungsleistungen quantifizieren lassen und Großeltern eine wichtige, teils zu wenig genutzte Ressource in einer alternden Gesellschaft seien.

Zentrale Punkte

  • Mütter als größte Profiteurinnen Die Ökonomin Katharina Spieß betone anhand von Studien, dass die Betreuung durch Großeltern vor allem die Zufriedenheit von Müttern mit ihrer Freizeit und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf signifikant erhöhe, was sich wiederum positiv auf die Kinder auswirke.
  • Überraschende Gesundheitsrisiken für Jungen Entgegen der allgemein positiven Erwartung habe die Forschung einen leichten negativen Effekt der Großelternbetreuung auf die körperliche Gesundheit von Jungen im Grundschulalter festgestellt, was mit mangelnder Bewegung in Verbindung gebracht werden könne.
  • Das Gehirn der Großeltern profitiert von jeder Art der Zuwendung Die Altersforscherin Yvonne Bremer erläutere, dass für die kognitive Leistungsfähigkeit der Großeltern nicht die Häufigkeit oder Art der Aktivität entscheidend sei, sondern allein die Tatsache, dass man sich kümmere, wobei Frauen womöglich durch die oft komplexere Planung der Care-Arbeit stärker profitierten.

Einordnung

Der Beitrag liefert eine differenzierte und dicht recherchierte Übersicht über den aktuellen Forschungsstand. Gelungen ist die Einbettung wissenschaftlicher Studienergebnisse in persönliche Erfahrungsberichte, was komplexe Zusammenhänge greifbar macht. Die historische Einordnung des Großeltern-Bildes und der Blick auf „Leihoma"-Projekte weiten die Perspektive über die reine Betreuungsfrage hinaus und zeigen gesellschaftlichen Wandel.

Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Darstellung stark von einem ökonomischen Nutzendenken geprägt ist. Die Sprache der Forscher:innen – etwa von „Betreuungsportfolios" – überträgt eine Logik der Effizienzoptimierung auf familiäre Beziehungen. Dass entlastete Mütter und fitte Großeltern auch gesamtgesellschaftlich wünschenswerte Ergebnisse sind, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Alternative Motive für das Engagement, wie schlichte Freude oder ein von Leistungsdruck freier Raum, treten hinter dieser Verwertungslogik zurück, auch wenn sie in den O-Tönen der Großeltern aufscheinen. Die Formulierung, die alternde Gesellschaft stelle nicht nur eine Last dar, sondern könne „als Chance" gesehen werden, ist ein Paradebeispiel für dieses Framing: „Bei der ganzen Debatte, welche Last es ist, dass unsere Gesellschaft so alt wird, könnte man das Ganze ja mal als Chance sehen".

Hörempfehlung: Eine hörenswerte Folge für alle, die sich für die Schnittstelle von Familienpolitik, Altersforschung und Gesellschaftstrends interessieren und denen die impliziten Annahmen solcher Diskurse bewusst sind.

Sprecher:innen

  • Katharina Spieß – Leiterin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB)
  • Yvonne Bremer – Lehrstuhlinhaberin für erfolgreiches Altern, Universität Tilburg
  • Erhard Hwoika – Wiener Historiker mit Forschungsschwerpunkt Großelternrolle
  • Annette Kierberg – Betreut das Leihomas-/Leihopas-Projekt der Stadt Düsseldorf