In dieser Ausgabe von „maischberger“ treffen große Reformversprechen auf noch größere Verunsicherung. Eine Dreiviertelstunde lang wird durchdekliniert, warum das politische Berlin gerade den eigenen Ansprüchen hinterherhinkt: Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) wirbt für einen langen Atem beim Staatsumbau, während sich im Studio die Frage aufdrängt, ob die Regierung überhaupt die nötige Stabilität dafür aufbringt. Diskutiert wird entlang zweier Achsen: dem Stand der Verwaltungsmodernisierung und der brüchigen Machtperspektive der schwarz-roten Koalition. Auffällig ist, wie sehr sich die Debatte um den Kanzler dabei um atmosphärische Eindrücke und persönliche Befindlichkeiten dreht – Friedrich Merz wirke wie die „fleischgewordene Frustration“, Hendrik Wüst dagegen lächle und wirke „fast menschlich“. Sachfragen treten hinter dieser Personalisierung streckenweise zurück. Die großen Themen der Sendung – Digitalisierung, Kriegsgefahr, AfD-Erstarken – werden so zu Kulissen für die eigentliche Frage, ob diese Regierung psychologisch noch trägt.

Zentrale Punkte

  • Der Kanzler als Atmosphären-Problem Die K-Frage in der Union – also die Diskussion, ob Hendrik Wüst Friedrich Merz ersetzen könnte – sei laut Paul Ronzheimer kein Medienspektakel gewesen, sondern tatsächlich aus Kreisen wichtiger CDU-Politiker gespeist worden. Der Kanzler selbst und sein Umfeld hätten jedoch ungeschickt reagiert und die Spekulationen erst richtig befeuert. Entscheidend für die Skepsis sei weniger Merz' Programm als sein Auftreten: Er vermittle nicht das Gefühl von Zuversicht, sondern mute an wie die personifizierte Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung.
  • Digitalisierung als Rohr, das nie voll genug ist Nach einem Jahr Amtszeit verweist Minister Wildberger auf 19 von 220 umgesetzten Digitalvorhaben und beschreibt seine Arbeit im Bild einer befüllten Pipeline. Man sei jetzt „durch die Komplexität durchgewühlt“ und habe eine zentrale Infrastruktur geschaffen, deren Früchte – etwa die digitale Brieftasche – erst ab 2027 sichtbar würden. Bürokratieabbau vollziehe sich in Dimensionen, die in der Bevölkerung noch nicht spürbar seien, was der Minister mit der enormen historisch gewachsenen Regelungsdichte erkläre, aber auch als frustrierend einräume.
  • Gewöhnung an den Krieg als Normalzustand Mit Blick auf den Drohneneinschlag in Rumänien diagnostiziert die Runde eine beunruhigende Abstumpfung: Während so ein Vorfall früher helle Aufregung ausgelöst hätte, sei man nun fast geneigt, ihn als übliche Provokation Putins abzutun. Russland teste systematisch aus, wie weit es gehen könne, während die Ukraine unter akutem Munitionsmangel leide und Europa militärisch nicht in der Lage sei, die ausbleibende US-Hilfe zu kompensieren.
  • AfD-Programm als stilisierte Deutschland-Renaissance Beatrix von Storch verteidigt gegen heftigen Widerspruch das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, das Begriffe wie „Deutsch denken“ und einen „Stolzkult“ auf das „wehrhafte“ Deutschland propagiere. Albrecht von Lucke analysiert dies als gezielte Umwertung der deutschen Geschichte: weg vom „Schuldkult“, hin zu einer provinziellen Bismarck-Verklärung, die das Bauhaus abschaffen und die NS-Zeit vergessen machen wolle. Von Storch hingegen hält dem entgegen, solche Warnungen verfingen bei Wähler:innen nicht, weil Umfragewerte von 40 Prozent für die AfD sprächen.

Einordnung

Die Sendung bildet die deutsche Reform-Misere atmosphärisch dicht ab, bleibt aber in weiten Teilen selbstreferenziell. Ihre Stärke liegt dort, wo Journalist Paul Ronzheimer und kommentierende Gäste das Innenleben der politischen Klasse freilegen: etwa die Nervosität im Kanzleramt oder die ritualisierten Schadensbegrenzungen nach der Wüst-Debatte. Ebenfalls erhellend ist Albrecht von Luckes sprachkritische Entzauberung des AfD-Programms, die zeigt, wie nationale Mythenbildung konkret funktioniert.

Das Interview mit dem Digitalminister gerät hingegen zur klassischen Regierungskommunikation – Wildberger darf ausführlich seine Pipeline-Metaphern entfalten, ohne dass die Diskrepanz zwischen angekündigter und erlebter Entlastung wirklich scharf gestellt würde. Dass nur ein einziger Unternehmer per Einspieler zu Wort kommt, verengt den Blick auf die Wirtschaftsperspektive; Betroffene alltäglicher Behördengänge oder Datenschutzbeauftragte fehlen komplett. Die Eingangsfrage konnte der Minister elegant umgehen: „Also zahlenmäßig zeigen die Zahlen das nicht“, kommentierte Maischberger den bürokratischen Stillstand – eine Stelle, an der hartnäckigeres Nachhaken die vorgestanzten Fortschrittserzählungen hätte durchbrechen können.

Hörempfehlung: Wer verstehen will, wie sich politische Stimmungslagen in Berlin gerade zu einer chronischen Regierungskrise verdichten, findet hier ein dichtes Stimmungsbild – mit der Einschränkung, dass die Perspektive stark auf die Hauptstadtlogik der K-Fragen und Koalitionsspekulationen zentriert bleibt.

Sprecher:innen

  • Sandra Maischberger – Moderatorin
  • Karsten Wildberger – CDU, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung
  • Paul Ronzheimer – Stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung
  • Sabine Rennefanz – Journalistin und Kolumnistin
  • Beatrix von Storch – AfD, Bundestagsabgeordnete und Fraktionschefin
  • Albrecht von Lucke – Politologe und Publizist (Blätter für deutsche und internationale Politik)
  • Oliver Kalkofe – Comedian und Schauspieler