Die Diskussion kreist um die Frage, ob China für Europa der bessere Partner sein könne als die USA unter Präsident Trump. Einig sind sich die Gäste, dass die USA als Bündnispartner unberechenbar geworden seien und China strategischer agiere. Strittig bleibt, ob diese Berechenbarkeit China vertrauenswürdiger mache oder ob gerade die langfristige Strategie Pekings – die Zerstörung europäischer Industrien durch Dumping und technologische Abhängigkeiten – die größere Gefahr darstelle. Durchgängig wird die Notwendigkeit beschworen, Europa müsse endlich eigene Interessen definieren und geschlossen auftreten, statt sich zwischen den Großmächten zerrieben zu fühlen. Als selbstverständlich wird dabei gesetzt, dass geopolitisches Handeln sich vor allem an wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität zu orientieren habe.
Zentrale Punkte
- Chinas Berechenbarkeit als relativer Vorteil China sei derzeit leichter zu berechnen als die USA, da es seine strategischen Ziele offenlege und rational verfolge, argumentieren mehrere Gäste. Diese Berechenbarkeit mache das Land jedoch nicht zum vertrauenswürdigen Partner, sondern allenfalls zum kalkulierbareren Gegenspieler.
- Die Zerstörung europäischer Industrie als Kollateralschaden Es sei für Europa letztlich unerheblich, ob China aus innerer Schwäche oder strategischem Kalkül Überkapazitäten zu Dumpingpreisen exportiere, wird betont. Entscheidend sei die Wirkung: Monatlich gingen tausende Industriearbeitsplätze in Deutschland verloren, weil die europäische Industrie gegen diese Praxis nicht geschützt werde.
- Europas Identitätskrise als Kernproblem Die eigentliche Schwäche liege nicht in der Stärke der Großmächte, sondern in der mangelnden europäischen Selbstdefinition, so der wiederkehrende Appell. Europa fehle eine positive Zukunftsvision, während es sich in einer „Selbstverzwergung" übe und nicht wage, eigene Macht – etwa als geeinter Markt von 450 Millionen Menschen – strategisch einzusetzen.
Einordnung
Die Runde zeichnet ein facettenreiches Bild der geopolitischen Zwickmühle Europas. Eine Stärke ist, dass China nicht nur als monolithischer Block, sondern als Akteur mit inneren Widersprüchen und eigenen Zwängen dargestellt wird – etwa durch den Hinweis auf den schwachen Binnenkonsum oder den demografischen Wandel. Das Plädoyer für „strategische Empathie" fordert zu einem differenzierteren Blick auf chinesische Motive auf, ohne die problematischen Auswirkungen von Chinas Handelspraktiken zu beschönigen. Die Diskussion gewinnt vor allem dort an Tiefe, wo sie über das Abwägen der „Übel" USA und China hinausgeht und die Handlungsfähigkeit Europas selbst in den Fokus rückt.
Kritisch bleibt, dass die Auseinandersetzung stark in ökonomischen Logiken verhaftet bleibt. Wettbewerbsfähigkeit und der Schutz heimischer Industrie bilden die unhinterfragte Grundlage fast aller außenpolitischen Überlegungen. Alternative Werte oder Ziele – etwa eine konsequent an Menschenrechten oder globaler Klimagerechtigkeit ausgerichtete Handelspolitik – werden nicht als handlungsleitend diskutiert. Die Perspektive von Staaten des Globalen Südens, die oft Spielball dieser Großmacht rivalitäten sind, kommt nur am Rande und instrumentalisiert vor. Die wiederholte Rede vom „Bündnis der Mittelmächte" bleibt zudem vage und blendet die höchst unterschiedlichen Interessen dieser Staaten aus. Wie sehr die Debatte um Europas Platz ringt, zeigt sich in einer Formulierung: Europa fehle eine „Zukunftsvision" – bislang wolle man nur, dass „alles so bleibt, wie es ist".
Hörempfehlung: Das Gespräch lohnt sich für alle, die verstehen wollen, warum die neue Weltunordnung Europa zu einer grundlegenden Neubestimmung zwingt – und wie schwer sich gerade Deutschland damit tut.
Sprecher:innen
- Xifan Yang – Außenpolitische Redakteurin der „Die Zeit", ehemalige China-Korrespondentin
- Marina Rudyak – Sinologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Heidelberg
- Shi Ming – Chinesisch-deutscher Journalist und China-Experte
- Anton Hofreiter – Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzender des Europa-Ausschusses im Bundestag