Im Podcast „ChinaPower" spricht die Gastgeberin Bonnie Glaser mit der Politikwissenschaftlerin Zhang Chuchu über Chinas Sicht auf den Krieg im Iran. Die Diskussion kreist um die Sorge vor einer regionalen Destabilisierung und wirtschaftlichen Schäden. Es wird die Annahme als selbstverständlich gesetzt, dass Chinas zentrales Interesse in der Sicherung von Energieimporten und der Wahrung staatlicher Souveränität liege. Dabei erscheint der Verlust von Vertrauen in internationale Diplomatie als das übergeordnete Problem, das Zhang Chuchu aus dem Konflikt ableite. Die Analyse verbleibt innerhalb eines staatszentrierten Blickwinkels, der Großmächten automatisch mehr Resilienz zuschreibe und Chinas Position als rein defensiv darstelle.
Zentrale Punkte
- Diplomatie als Opfer des Krieges Zhang Chuchu argumentiere, der Krieg beschädige das Vertrauen zwischen Staaten grundlegend, da Verhandlungen als Vorwand genutzt worden sein könnten. Dies sende ein gefährliches Signal, dass sich Konflikte künftig eher durch militärische Konfrontation als durch Gespräche lösen ließen.
- Energiesicherheit als zentrales Risiko Die größte wirtschaftliche Gefahr für China sei die Unterbrechung der Ölversorgung und hohe Preisschwankungen. Dennoch betont Zhang Chuchu, dass große Mächte wie China aufgrund strategischer Reserven eine größere Widerstandsfähigkeit besäßen als kleinere, verwundbarere Staaten.
- Multipolarität trotz Großmachtvorteil Zhang Chuchu sehe den Trend zur Multipolarität durch den Krieg nicht geschwächt, da viele Staaten ihre eigenen Positionen artikulierten. Gleichzeitig beschreibe sie eine Welt, in der Großmächte wirtschaftlich und geopolitisch klar bevorteilt seien – ein Widerspruch, der unaufgelöst bleibe.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der klaren Darstellung einer chinesischen Fachperspektive, die den Krieg nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil einer globalen Vertrauenskrise betrachtet. Zhang Chuchu verbindet regionale Instabilität geschickt mit übergeordneten Fragen wie dem Verfall internationaler Normen und der Aushöhlung von Diplomatie. Das ist aufschlussreich, weil es über rein materielle Interessen wie Öl hinausgeht und zeigt, wie in China eine grundsätzliche Erosion des liberalen internationalen Ordnungsrahmens diagnostiziert wird.
Kritisch bleibt, dass die Analyse tief in den Logiken staatlicher Macht und Resilienz verhaftet ist. Zhangs Argument, dass Großmächte wie China und die USA besser mit der Krise umgehen könnten als kleine Staaten, wird unhinterfragt als positiv hingenommen. Chinas eigene Außenpolitik erscheint ausschließlich als stabilisierend und defensiv. Die Rolle Chinas als potenzieller Profiteur von Umwegen im Ölhandel oder seine Beziehungen zu allen Konfliktparteien werden nicht kritisch beleuchtet. Die Feststellung, es gebe bei chinesischen Experten einen großen Konsens über die Notwendigkeit von Deeskalation und Energiewende, präsentiert „Chinas Sicht" als monolithischen Block. Das titelgebende Versprechen, zu diskutieren, was der Konflikt für die chinesisch-amerikanischen Beziehungen und ein bevorstehendes Trump-Xi-Treffen bedeute, bleibt im Gesprächsverlauf weitgehend uneingelöst – die Frage wird nur oberflächlich gestreift. Die Episode zeigt so eine staatsnahe Analyse ohne innere Widersprüche, was für das Verständnis der offiziellen und halboffiziellen chinesischen Diskurslinie nützlich, jedoch keine umfassende Einordnung ist. Ein Zitat illustriert die zugrundeliegende Haltung: „In China, we have a saying that, 'Zhi biao bu zhi ben,' so it means that we, uh, if we want to solve a problem, we have to solve the root cause of this problem." (Zhang Chuchu, sinngemäß: „Wir müssen die Wurzel des Problems lösen, nicht nur die Symptome.")
Sprecher:innen
- Bonnie Glaser – Gastgeberin des ChinaPower-Podcasts, US-amerikanische China-Expertin
- Zhang Chuchu – Associate Professor an der Fudan University; Stellv. Direktorin des Center for Middle Eastern Studies