In einer Live-Ausgabe von der Karrieremesse Juracon widmet sich der FAZ Einspruch Podcast der Resilienz des deutschen Rechtsstaats. Das Moderatoren-Duo Finn Hohenschwert und Reinhard Müller diskutiert mit der Rechtsanwältin Roya Sangi und dem OLG-Präsidenten Andreas Seitz über technologische, personelle und politische Herausforderungen für Justiz und Anwaltschaft. Der Diskurs ist dabei stark durch ein institutionelles Selbstverständnis geprägt: Die Funktionsfähigkeit von Gerichten und Kanzleien wird als unhinterfragte Basis demokratischer Stabilität gesetzt. Während bei Themen wie Digitalisierung und Personalmangel vorwiegend in Effizienz- und Machbarkeitslogiken argumentiert wird, verschiebt sich der Fokus bei der AfD und antidemokratischen Tendenzen hin zu einem abwehrenden, bewahrenden Framing. Der Rechtsstaat wird in der gesamten Diskussion primär aus einer institutionellen Top-down-Perspektive betrachtet. ### Zentrale Punkte * **KI und richterliche Entscheidung** Seitz und Sangi argumentierten, Künstliche Intelligenz dürfe juristische Kernentscheidungen nicht ersetzen. Menschliche Urteilskraft und Verantwortungsübernahme blieben für die Justiz unverzichtbar. * **Strukturelle Hürden in Kanzleien** Sangi betonte, fehlende Parität auf Partnerebenen sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Männlich geprägte Netzwerke würden Frauen systematisch bei Empfehlungen und Karriereschritten übergehen. * **Wehrhaftigkeit der Institutionen** Mit Blick auf Wahlausschüsse und die AfD erklärte Seitz, die Justiz sei formal unabhängig. Die personelle Besetzung der Gerichte hänge jedoch von der demokratischen Verfassung der Parlamente ab. * **Reform der Juristenausbildung** Die juristische Ausbildung weise laut Sangi methodische Defizite auf. Seitz merkte an, die strikte Trennung von universitärer Theorie und praktischem Referendariat solle dennoch beibehalten werden. ### Einordnung Die Episode besticht durch die tiefe Praxiserfahrung der Gäste, die abstrakte rechtspolitische Debatten – etwa um Wahlausschüsse in Thüringen oder US-amerikanische Zustände – an konkreten institutionellen Mechanismen festmachen. Problematisch ist jedoch die teils unkritische Übernahme ökonomischer Effizienzlogiken. So wird die Dauer von Großverfahren wie dem Reichsbürger-Prozess von Moderatorseite wiederholt als potenzielle "Überforderung" gerahmt, was rechtsstaatliche Gründlichkeit sprachlich dem Primat der Beschleunigung unterordnet. Auch bei der Diskussion um staatliche Eingriffe (wie Hausdurchsuchungen wegen Äußerungsdelikten) verbleibt das Gespräch in einer legalistischen Abwehrhaltung; die juristische Maschinerie wird als alternativlos normalisiert. Seitz verteidigt dies institutionell: Der Rechtsstaat müsse "im Rahmen der zulässigen Fristen [...] sowas durchziehen". Die Perspektive der von der Justiz betroffenen Bürger:innen fehlt in diesem stark an ein juristisches Fachpublikum gerichteten Format fast völlig. **Hörempfehlung**: Empfehlenswert für ein juristisch vorgebildetes Publikum, das sich für die institutionelle Mechanik und innere Verfasstheit des Justizapparats interessiert. ### Sprecher:innen * **Finn Hohenschwert** – Moderator und Redakteur * **Reinhard Müller** – Moderator und Redakteur * **Roya Sangi** – Rechtsanwältin und Partnerin bei Redeker, Expertin für Verfassungsrecht * **Andreas Seitz** – Präsident des Oberlandesgerichts Frankfurt