Zwei befreundete Autor:innen tauschen sich über ihr Unbehagen aus: Immer wieder greifen sie beim Schreiben auf Krankheiten zurück – um Handlungen anzutreiben, Dringlichkeit zu erzeugen oder Figuren zu charakterisieren. Till Raether und Alena Schröder fragen sich, ob das ein fragwürdiger literarischer Kniff sei, der reale Leidenserfahrungen zum funktionalen Werkzeug mache. Schröder etwa schildere, wie sie sich "geniere", eine Krebserkrankung als erzählerischen Auslöser einzusetzen, während Raether reflektiere, dass seine Krimis auffallend häufig Suizid thematisieren. Als selbstverständlich setzen beide voraus, dass körperliche oder psychische Erkrankung literarisch nur dann legitim sei, wenn sie nicht als bloße Metapher für Charakterschwächen diene – eine Haltung, die explizit auf Susan Sontags Essay "Krankheit als Metapher" Bezug nehme. Die Unterhaltung lotet aus, wo die Grenze zwischen notwendiger Repräsentation von Normalität und ausbeuterischem Klischee verlaufe.

Zentrale Punkte

  • Das Unbehagen am "Plot Device" Schröder räume ein, Krankheit nutze sie als Plot Device, etwa um Figuren zusammenzuführen – und habe dabei oft ein "schlechtes Gewissen". Ein plötzlicher Krebsverdacht in einem Roman erscheine ihr manchmal als zu einfacher Weg, Dramatik und Tiefe zu erzeugen, wenn der Autorin nichts Besseres einfalle.
  • Krankheit als unsichtbare Normalität Raether beobachte an seinem eigenen Werk, dass er fast nur über psychische Leiden wie Depression schreibe. Banalere Alltagserkrankungen wie eine schwere Erkältung kämen hingegen nie vor, obwohl sie hochgradig realistisch seien und sich bestens als "Stopper" eigneten, um Handlungszeit zu verdichten oder Figuren zeitweise aus dem Geschehen zu nehmen.
  • Das Repräsentations-Dilemma Die fehlende eigene Betroffenheit erzeuge eine doppelte Verunsicherung: Raether berichte von einem sachlichen Fehler bei der Darstellung einer Diabetes-Erkrankung, den Betroffene korrigierten. Gleichzeitig stelle sich die Frage, ob der Verzicht auf Krankheiten nicht eine "normgesunde" Welt erschaffe und die "Unsichtbarmachung" realer Erfahrungen fördere.
  • Covid als Leerstelle Beiden falle auf, dass die Corona-Pandemie in ihren Romanen kaum oder gar nicht vorkomme – Raether spricht von einer "gesellschaftlichen Verschwörung der Unsichtbarmachung". Während chronische Post-Covid-Erkrankungen literarisch noch völlig fehlten, tauche die Pandemie bei anderen Autor:innen inzwischen als beiläufiger Zeitmarker auf.

Einordnung

Das Gespräch gewinnt seine Stärke aus der radikalen Selbstbefragung: Hier sprechen zwei Schreibende, die ihre eigenen erzählerischen Reflexe misstrauisch beäugen und diesen Zweifel vor den Hörer:innen ausbreiten. Die Bezugnahme auf Susan Sontags Thesen verleiht der Diskussion eine belastbare theoretische Grundlage, ohne ins Akademische abzudriften. Besonders wertvoll ist die Differenzierung zwischen verschiedenen Funktionen von Krankheit – vom abgegriffenen Serien-Klischee ("Brustkrebs in der dritten Staffel") bis zur existenziellen Struktur eines gesamten Romans wie in Dara Brexendorfs "Paradise Beach". Die Episode liefert keine Rezepte, sondern dokumentiert einen tastenden Denkprozess, der das Unbehagen stehen lassen kann.

Allerdings bleibt der Austausch in einer privilegierten Werkstatt-Perspektive verhaftet. Wenn Raether und Schröder erwägen, ob Krankheit zur "Enttabuisierung" beitrage oder "Representation" sei, beziehen sie sich allein auf ihre künstlerische Intention – die Erfahrungsperspektive von chronisch kranken oder behinderten Leser:innen wird nicht eingeholt. Die selbstkritische Reflexion kreist letztlich um die Frage "Darf ich das als nicht-betroffene Autorin?", ohne die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Pandemie erscheint eher als markantes Zeitkolorit, während die anhaltende gesellschaftliche und politische Dimension von Long Covid oder ME/CFS unerwähnt bleibt.

Hörempfehlung: Für schreibende Menschen und alle, die literarische Erzählmechanismen durchschauen wollen, bietet diese Folge eine unterhaltsame und aufrichtige Werkstatt-Inspektion ohne belehrenden Gestus.

Sprecher:innen

  • Till Raether – Schriftsteller und Journalist, u.a. Krimi-Reihe um Kommissar Adam Danowski
  • Alena Schröder – Schriftstellerin und Journalistin, u.a. "Junge Frau, am Fenster stehend"