Das Gespräch mit Lena Riedl, Autorin und Kommunikationschefin des Wiener Magazins "andererseits", dreht sich um die Frage, wie Journalismus aussehen kann, wenn die Perspektive von Menschen mit Behinderungen nicht nur Thema, sondern struktureller Ausgangspunkt der Arbeit ist. Statt eines distanzierten Blicks von außen gehe es bei "andererseits" um eine gleichberechtigte Zusammenarbeit, in der die Hälfte des Teams mit Behinderungen lebe und eigene Schwerpunkte setze. Als zentrale journalistische Leerstelle wird die oft gedankenlose Reproduktion von Klischees markiert – etwa die Darstellung behinderter Menschen als "Held:innen" oder "Opfer". Dagegen setze das Magazin eine Berichterstattung auf Augenhöhe, die den Alltag und strukturelle Missstände sichtbar mache, ohne Betroffene zu Besonderheiten zu erklären.
Zentrale Punkte
- Gegen heroische oder defizitäre Bilder Das Magazin wende sich explizit gegen eine Darstellung, die Menschen mit Behinderungen entweder für alltägliche Leistungen überhöhe oder sie auf eine Opferrolle reduziere. Stattdessen solle ein realistisches Leben mit Behinderungen gezeigt werden, was eine "Kommunikation auf Augenhöhe" schaffe.
- Inklusion als redaktionelles Lernprinzip Ableismus sei auch im Team präsent, doch durch Offenheit und die Grundhaltung, Betroffenenperspektiven zu glauben, werde ein Arbeitsumfeld geschaffen, in dem alle "Mensch sein" dürften. Fehler im Umgang miteinander seien erlaubt, solange die Bereitschaft bestehe, Verhalten zu ändern und zuzuhören.
Einordnung
Das Gespräch macht die redaktionellen Prinzipien eines Nischenmediums transparent und zeigt konkret, wie eine inklusive journalistische Praxis aussehen kann. Die Stärke liegt in der klaren Benennung medialer Stereotype und der glaubwürdigen Verknüpfung von Programm und Arbeitsrealität: Die beschriebene Offenheit für Kritik an internen Strukturen unterstreicht den Anspruch, Ableismus nicht nur extern zu thematisieren. Riedl berichtet authentisch von einem Lernprozess, der auch sie selbst als Person mit Behinderung betrifft.
Die Diskussion verbleibt eng an der Selbstdarstellung des Magazins. Die Perspektive von Menschen mit Lernschwierigkeiten wird im Gespräch zwar über das Projekt des Wahlcheckers adressiert, kommt aber nicht selbst zu Gehör. Die Frage, wie die Redaktion bei Themen außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts recherchiert oder mit unterschiedlichen Behinderungsformen umgeht, die aus dem Team selbst nicht abgedeckt sind, bleibt offen. Die Darstellung, dass Inklusion in der Arbeitswelt "leicht" sein könne, wirft implizit die Frage auf, inwiefern die spezifische Organisationsform und Förderung diese Leichtigkeit bedingen.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie Journalismus jenseits klassischer Objektivitätsnormen funktionieren kann und konkrete Ansätze für inklusivere Medienarbeit suchen, ist dieses Gespräch ein lohnender Einblick.
Sprecher:innen
- Lena Riedl – Autorin, Marketing und Kommunikationschefin beim Magazin "andererseits", Wien
- Unbenannte:r Moderator:in – Freies Radio, Host des Gesprächs