In dieser Spezialfolge von „Bern einfach“ besuchen Markus Somm und Dominik Feusi einen großen Landwirtschaftsbetrieb im Zürcher Oberland, um einen früheren Konflikt aufzuarbeiten: In einer vorherigen Episode hatte Somm die Landwirtschaft mit dem Asylwesen verglichen und Sparmaßnahmen gefordert – was bei Hörer:innen aus der Branche für Empörung gesorgt hatte.

Nun treffen sie auf Ramona Hess, die heutige Betriebsleiterin mit Bankerfahrung, und ihren Vater Robert, der den Betrieb nach einer ruinösen Vorgeschichte ab 1991 als Unternehmer wiederaufgebaut hat. Das Gespräch dreht sich um die Frage, was moderne Landwirtschaft heute ausmacht – zwischen unternehmerischem Anspruch, demokratisch verankerter Versorgungssicherheit und einem Regulierungsapparat, der als lähmend beschrieben wird. Im Kern verhandeln die Beteiligten, ob sich die Branche durch zu große Staatsnähe selbst geschwächt habe oder ob die Politik ihr die Luft zum Atmen nehme.

Zentrale Punkte

  • Rücknahme des Asyl-Vergleichs Markus Somm gestehe zu, seinen Vergleich zwischen Landwirtschaftssubventionen und dem Asylwesen sei „kreuzfalsch“ gewesen. Er betone nun, man müsse bei der „Asylindustrie“ sparen, während die Landwirtschaft als zentral für die Ernährungssicherheit gelte. Die Aussage, die Branche solle generell Solidarität beim Sparen zeigen, wolle er aber nicht pauschal zurücknehmen.
  • Verwaltung als Haupthindernis Beide Landwirt:innen beschreiben die Agrarpolitik als Korsett aus über 3.000 Kontrollpunkten und einer Preispolitik, die Milch und Getreide „hundsmiserabel“ vergüte. Nicht die Politik, sondern die Verwaltung treibe den „Kontrollwahn“, der jedes Unternehmertum ersticke. Als Sinnbild diene eine als Goldschmiedin ausgebildete Tierkontrolleurin, deren Expertise Robert Hess zurückgewiesen habe.
  • Unternehmerische Landwirtschaft gegen Alimentierung Robert Hess vertrete die Position, dass Direktzahlungen unternehmerisches Interesse abtöteten – sie seien „Almosen“, die vom Staat abhängig machten. Ramona Hess ergänze, dass kleine Nebenerwerbsbetriebe die Vollzeit-Unternehmer:innen hemmten und das Direktzahlungssystem Bergbauern belohne, während es Talbauern für höhere Produktion bestrafe. Beide setzen auf Vergrößerung und Technisierung als Zukunftsmodell.

Einordnung

Die Episode leistet etwas, das im politischen Diskurs selten ist: Ein Moderator räumt nach Vor-Ort-Besuch eigene Pauschalisierungen ein und lässt sich auf die Perspektive seiner Kritiker:innen ein. Das Gespräch macht an konkreten Beispielen nachvollziehbar, wie landwirtschaftliches Unternehmertum und bürokratische Anforderungen kollidieren. Mit Ramona Hess kommt zudem eine Betriebsleiterin zu Wort, die durch ihren Bankhintergrund glaubwürdig wirtschaftliche Zwänge benennen kann.

Die Diskussion setzt jedoch unhinterfragt voraus, dass betriebliches Wachstum, Kapitalintensität und Vollzeit-Unternehmertum die einzig legitime Zukunft der Schweizer Landwirtschaft seien. Kleinere, im Nebenerwerb geführte Betriebe oder eine bewusst weniger produktionsorientierte Berglandwirtschaft erscheinen ausschließlich als Hindernis. Die immer wiederkehrende Klage über eine übermächtige Verwaltung bleibt diffus – „Hüst und Hot“ als Metapher für politische Gegner ersetzt die konkrete Analyse, welche Gesetze oder Verordnungen denn konkret falsch seien und welche Sicherungsfunktion sie ursprünglich hatten. Robert Hess‘ Aussage, Direktzahlungen seien bewusst so gestaltet, dass „je weniger du machst, desto mehr bekommst du“, ist eine politische Interpretation der Anreizlogik – und keine neutrale Beschreibung. Das Zitat: „Das ist das Problem und die ganze Agrarpolitik wird nicht von der Politik gemacht, sondern von der Verwaltung. Und in der Verwaltung, Verwaltung nimmt auch unverhältnismäßig zu zu der Bevölkerung“bündelt die Unterstellung, Verwaltung diene vor allem der Selbstbeschäftigung – eine steile These, die unwidersprochen im Raum steht.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum Landwirt:innen sich als gegängelt empfinden – und wie sie selbst das Verhältnis von Staat, Subventionen und Unternehmertum deuten, ist das ein aufschlussreicher Besuch.

Sprecher:innen

  • Markus Somm – Moderator, Historiker, Journalist beim Nebelspalter
  • Ramona Hess – Betriebsleiterin des Bühlhofs, ehemalige Bankkauffrau
  • Robert Hess – Vater von Ramona, hat den Betrieb ab 1991 aufgebaut und saniert