Im SPIEGEL-Spitzengespräch spricht Moderator Markus Feldenkirchen mit dem Historiker Christopher Clark über die Schnittstellen von Vergangenheit und Gegenwart. Clark, der durch sein Buch "Die Schlafwandler" über die Ursachen des Ersten Weltkriegs bekannt wurde, zieht Verbindungen zwischen der Eskalationsdynamik von 1914 und der aktuellen weltpolitischen Lage. Im Zentrum steht der Russland-Ukraine-Krieg sowie die Frage, ob und wie Verhandlungen mit Wladimir Putin möglich seien.
Clark argumentiert historisch analog, betont aber auch die Unterschiede: 1914 habe es keinen klaren Aggressor gegeben, heute sei die Situation eindeutiger. Auffällig ist, wie Clark Verhandlungslösungen mit Russland rahmt: Er stelle Gebietsabtretungen als möglichen "Sieg" für Putin dar, ohne die konkreten Konsequenzen für die betroffene Bevölkerung zu thematisieren. Die Ukraine erscheint dabei als Verhandlungsobjekt, nicht als politisches Subjekt. Unhinterfragt bleibt auch die Annahme, dass eine "breite Mitte" der natürliche Ort guter Politik sei.
Zentrale Punkte
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Historische Parallelen und Unterschiede Clark sehe strukturelle Ähnlichkeiten zwischen 1914 und heute, insbesondere den Bruch zwischen Einzelinteressen und Gesamtsystem. Gleichzeitig betone er, dass die heutige Situation einen klareren Aggressor aufweise, was sie von der Komplexität des Ersten Weltkriegs unterscheide.
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Verhandlungen mit Russland als Lösung Clark äußere sich hoffnungsvoll bezüglich Verhandlungen und schlage vor, Putin könne territorial "gewinnen", solange die Rest-Ukraine lebensfähig und frei bleibe. Die Idee, dass Putin "biegsam" sein könnte, werde ohne Bezug auf dessen bisherige Verhaltensmuster diskutiert.
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Westliche Fehler nach 1990 Der Westen sei nach dem Ende des Kalten Krieges "berauscht vom Sieg" gewesen und habe Abhängigkeiten zugelassen sowie nicht über eine Zukunft mit Russland nachgedacht. Die NATO-Osterweiterung verteidige Clark als freiwillige "Bewerbungen" von Staaten.
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Schwächung der politischen Mitte Als größte Gefahr identifiziere Clark nicht die Links- oder Rechtsdrift, sondern die Erosion der liberaldemokratischen Mitte. Diese werde als natürlicher Ort der Interessensversöhnung dargestellt, ohne dass Machtstrukturen innerhalb dieser Mitte hinterfragt werden.
Einordnung
Die Episode bietet eine historisch fundierte Einordnung aktueller Krisen und profitiert von Clarks Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge anschaulich zu erklären. Seine Differenzierung zwischen 1914 und heute ist ebenso wertvoll wie die Kritik an westlicher Siegeseuphorie nach 1990. Die persönliche Perspektive des in Australien geborenen Historikers bereichert das Gespräch um ungewohnte Blickwinkel.
Problematisch ist, dass ukrainische Perspektiven komplett fehlen – die Bevölkerung wird nur als Objekt von Gebietsabtretungen verhandelt. Wenn Clark vorschlägt, Putin könne die Krim und Ostukraine behalten, bleibt die humanitäre Dimension unerwähnt. Clarks Aussage, "die beste Politik kommt immer aus der Mitte", naturalisiert bestehende Machtverhältnisse und blendet aus, dass die Mitte historisch oft von Herrschaftsinteressen geprägt war. Die NATO-Osterweiterung als rein freiwilligen Prozess darzustellen, lässt die geopolitische Dimension der Sicherheitsarchitektur unterbelichtet.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die an historischen Vergleichen und der Frage interessiert sind, wie westliche Politik nach 1990 die aktuelle Krise mitbedingt hat – mit der nötigen Distanz zu Clarks unausgewogener Verhandlungsrhetorik.
Sprecher:innen
- Markus Feldenkirchen – Moderator, SPIEGEL-Autor im Hauptstadtbüro
- Christopher Clark – Historiker, Professor für Neuere Europäische Geschichte, University of Cambridge