Micky Beisenherz lädt in der Samstagsausgabe von „Apokalypse und Filterkaffee" den Reiseschriftsteller Dennis Gastmann ein. Gemeinsam streifen sie durch popkulturelles Gelände – von Janet Jacksons 60. Geburtstag über das 25-jährige Jubiläum der „Fast & Furious"-Reihe bis zur Traurigkeit aktueller Popsongs. Gastmanns gerade erschienenes Buch „Orient Express" gibt den Rahmen für eine ausführliche Reiseerzählung.

Das Gespräch funktioniert als bildungsbürgerlicher Feuilleton-Talk, der persönliche Anekdoten mit Gesellschaftsbeobachtung verbindet. Popkultur wird hier als ernstzunehmendes Feld verhandelt, in dem sich politische und soziale Entwicklungen spiegeln – sei es die „Kakofonie" Europas oder die Frage, ob Moll-Töne besser zur Gegenwart passen als Dur. Die europäische Reise dient als Folie für Fragen nach Identität, Widersprüchen und dem Zustand des Kontinents.

Zentrale Punkte

  • Europa klingt nicht harmonisch Gastmann beschreibe seine Reise mit dem Orient-Express als Versuch, Europas widersprüchlichen Klang einzufangen. Nicht die Luxusvariante mit Champagner-Flatrate habe ihn interessiert, sondern die „Bruchstellen" des Kontinents. Europa klinge „Moll, nicht harmonisch, aber es klingt noch" – eine bittersüße Bestandsaufnahme zwischen sterbenden Wäldern in Slowenien und faschistischen Relikten in Triest.
  • Fast & Furious als Physik-ignorierende Kunst Die 25 Jahre alte Action-Reihe wird halb ironisch, halb bewundernd als Eskapismus gefeiert, der konsequent die Gesetze der Physik und den Klimawandel ignoriere. Aus einer Handvoll Autoschrauber im ersten Teil sei ein Ensemble von Masterminds mit IQ 218 geworden. Die Einladung nach Cannes werten beide als erlösende Abwechslung für ein Publikum, das sonst „entsetzliche Sachen" ertragen müsse.
  • Soziale Medien schädlicher als Rauchen Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen habe gesagt, sie würde Kindern eher das Rauchen erlauben als soziale Medien. Beisenherz pflichte bei und berichte von einem Gespräch mit seiner zehnjährigen Tochter. Das eigentliche Problem sei nicht nur die Anfälligkeit für Fake News, sondern dass Kinder mit elf oder zwölf Jahren bereits einer gewaltigen sozialen Kontrolle durch zehntausende Urteile ausgesetzt seien.
  • Udo Lindenbergs schwieriges Frühwerk Anlässlich Lindenbergs 80. Geburtstags beobachte Beisenherz, wie derzeit besonders die frühen Texte auf problematische Inhalte gescannt würden. Zeilen wie „Du bist 14, aber das macht ja auch nichts weiter" ließen sich nicht mit dem Zeitgeist-Kontext erklären. Solche Fragen müssten gestellt werden – ähnlich wie bei Udo Jürgens, wo eine Journalistin nach dem Alter der Frauen im Backstage-Bereich fragte.

Einordnung

Gastmanns Reisebericht ist der stärkste Teil der Episode. Seine Schilderungen – die Nonne in Triest mit Mussolini-Bänden im Regal, das Pärchen im slowenischen Wald, das vom Bärenangriff als realer Gefahr erzählt – enthalten echte atmosphärische Dichte. Das Format erlaubt ihm, länger zu erzählen, und Beisenherz gibt den Raum dafür. Dass Gastmann den überteuerten Luxuszug ablehnte und stattdessen wochenlang mit Regionalzügen und Bussen fuhr, verleiht seinem Blick auf Europa eine demokratischere Note, als es die Champagner-Variante je könnte. Sein Befund eines „palliativen" Umgangs mit dem Waldsterben in Slowenien bringt das Absurde der Klimakrise auf eine Weise zur Sprache, die ohne Aktivismus-Vokabular auskommt.

Allerdings bleibt die Popkultur-Diskussion meist an der Oberfläche. Dass „Fast & Furious" den Klimawandel „konsequent planiert", ist ein witziger Spruch, aber die Frage, was das für ein Millionenpublikum bedeutet, das diesen Autokult konsumiert, wird nicht gestellt. Gastmanns Analyse der europäischen Kakofonie ist sympathisch, bleibt aber in einer Pose der freundlichen Bejahung stecken – Konflikte wie der Aufstieg des Rechtspopulismus in Italien werden eher als pittoreske Anekdote serviert, nicht politisch eingeordnet. Beisenherz' Zustimmung zu Frederiksens Rauchen-Vergleich ist erfrischend undramatisch, die strukturelle Dimension von Social-Media-Schäden – Algorithmen, Geschäftsmodelle – kommt jedoch nicht vor. Bei Udo Lindenberg werden problematische Textzeilen immerhin benannt, aber die Empörung des Managements bei Udo Jürgens ist die einzige angedeutete Machtkritik; strukturelle Fragen, warum solche Übergriffe jahrzehntelang normalisiert waren, fehlen.

Sprecher:innen

  • Micky Beisenherz – Moderator von „Apokalypse und Filterkaffee", Journalist und Autor
  • Dennis Gastmann – Reiseschriftsteller und Journalist, Autor von „Orient Express"