Manoela Vianna von der Heinrich-Böll-Stiftung spricht auf der re:publica 26 über die physische Seite der „Cloud“: die digitale Infrastruktur in Brasilien und ihre Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften und Umweltgerechtigkeit. Sie zeigt Verbindungen zwischen Energiewende, Big Tech und Landkonflikten.
1. Ein TikTok-Rechenzentrum entstehe auf indigenem Land ohne Konsultation
In Ceará baue TikTok ein Rechenzentrum von 68 Hektar (100 Fußballfelder) auf dem Gebiet der Anacé – ohne die verfassungsrechtlich gebotene freie, vorherige und informierte Zustimmung. „Sie bauen dieses Rechenzentrum innerhalb eines indigenen Gemeinwesens, dem Territorium des Anacé-Volkes ... sie haben das Recht auf Konsultation“, so Vianna.
2. Das Rechenzentrum verbrauche extreme Ressourcen, während der Gemeinschaft Leitungswasser fehle
Das TikTok-Rechenzentrum habe einen Energiebedarf vergleichbar mit einer Stadt wie Bonn und enorme Wassermengen. Gleichzeitig hätten die Anacé vor Ort keinen Zugang zu Leitungswasser. „Eine sehr asymmetrische Situation: Auf der einen Seite ein Rechenzentrum, das viel Wasser verbraucht, auf der anderen eine indigene Gemeinschaft ohne Wasseranschluss.“
3. Brasilien erlebe „Datenkolonialismus“
Die Expansion von Rechenzentren und Energieinfrastruktur reproduziere koloniale Muster. Statt nur Rohstoffe exportiere Brasilien nun Energie, Daten und digitale Infrastruktur. Vianna spricht von „data colonialism“ – einer Fortsetzung der alten Trennung von Natur und Gesellschaft.
4. Die Kämpfe seien miteinander verwoben, aber die Zivilgesellschaft arbeite oft in Silos
Umweltorganisationen, Digitalrechte-Aktivist:innen und Feministinnen agierten getrennt, doch die Frauen aus Nordostbrasilien zeigten, dass die Probleme zusammengehören. „Wir müssen all diese Felder verbinden, denn die Kämpfe finden gleichzeitig statt.“
5. Die Regierung rechtfertige die Expansion mit Arbeitsplätzen, doch Rechenzentren schüfen kaum Jobs
Die brasilianische Regierung unterstütze neue Rechenzentren und verspreche viele Arbeitsplätze. Tatsächlich schaffe ein Supermarkt oft mehr Jobs. „Wir müssen diese Narrative infrage stellen und betonen, dass Partizipation essenziell ist.“
6. Es fehle an Gesetzgebung und staatlicher Regulierung
Für digitale Infrastruktur greife Brasilien auf schwache Umweltgesetze zurück; eine spezifische Regulierung existiere kaum. Verbündete im Parlament arbeiteten an Berichten und neuen Gesetzen.
Einordnung
Der Vortrag folgt einer klaren aktivistischen Dramaturgie: Vianna beginnt mit der poetischen Metapher der Wolke, die sie gezielt dekonstruiert, um die materielle Gewalt digitaler Infrastruktur sichtbar zu machen. Die dabei eingesetzten visuellen Elemente – Karten, Fotos und Schaubilder – unterstreichen ihre Argumentation wirkungsvoll und verleihen der Kritik Anschaulichkeit. Die Sprecherin verknüpft persönliche Begegnungen (die Frauen vom COP30) mit strukturellen Analysen und verortet sich selbst als Teil einer politischen Stiftung, die Räume für Vernetzung öffnet. Damit beansprucht sie eine zugleich empathische wie fachlich fundierte Autorität.
Die Argumentation bewegt sich konsequent in einem postkolonialen und intersektionalen Rahmen: Datenkolonialismus, ungleiche Ressourcenverteilung und mangelnde Partizipation werden zu zentralen Deutungsmustern. Die Perspektive der betroffenen Gemeinschaften dominiert; Stimmen von Konzernen oder Regierung, die über das pauschale „Job-Versprechen“ hinausgehen, fehlen. Das ist für ein Stiftungsformat legitim, verengt aber die mögliche Diskussion. Logische Schwachstellen ergeben sich etwa, wenn die Arbeitsplatzfrage mit einem Supermarktvergleich simplifiziert wird, ohne die Komplexität regionaler Arbeitsmärkte zu beleuchten. Auch der Begriff „Depression“ am Ende bleibt metaphorisch unbestimmt.
Gleichwohl gelingt Vianna eine differenzierte Darstellung, die Technologie nicht pauschal verdammt: Das Beispiel der KI-gestützten Suche nach illegalem Bergbau zeigt, dass sie eine gemeinwohlorientierte Nutzung für möglich hält. Die Fragerunde verdeutlicht zudem die Bereitschaft zum Dialog. Der Vortrag eignet sich gut als Einstieg in globale Gerechtigkeitsfragen der Digitalisierung, verlangt aber von einem kritischen Publikum, die starke advokatorische Rahmung mitzudenken.