Udo Marquardt, Philosoph und Autor, stellt im Gespräch mit Yves Bossart seine persönliche Suche nach erfüllter Zeit in den Mittelpunkt. Das Gespräch verwebt die gesellschaftliche „Teilzeit-Debatte“ mit philosophischen Konzepten des Augenblicks und Marquadts eigenen Erfahrungen: von der Disziplin des frühen Schreibens über die Genügsamkeit in einem indischen Ashram bis zum späten Glück der Rockmusik. Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass das Individuum für das Gelingen seiner Zeit selbst verantwortlich ist. Es geht weniger um eine strukturelle Kritik der Arbeitswelt als um einen persönlichen Lebensstil, der sich durch bewusstes Erleben und asketische Momente gegen die „Beschleunigung“ stemmt.
Zentrale Punkte
- Erfüllte Zeit gegen Verpassensangst Erfüllte Zeit sei nicht mit Effizienz oder Pflichterfüllung gleichzusetzen, sondern werde durch Momente des völligen Vergessens der Uhrzeit erfahren – etwa bei einem Konzert oder einem tiefen Gespräch. Der moderne Mensch renne jedoch ständig an diesen Momenten vorbei, getrieben von der Sorge, in der einzig verfügbaren Lebenszeit nicht genug Welt „reinzupacken“.
- Teilzeitarbeit als Weg zur Lebenskunst Die gesellschaftliche Forderung nach weniger Erwerbsarbeit sei kein Ausdruck von „Arbeitsverweigerung“, sondern Ausdruck des Wunsches, Zeit für erfüllende Tätigkeiten zu haben. Marquardt räume ein, dass die Umsetzung oft an ökonomischem Druck scheitere; dennoch stelle die Diskussion um die „4-Tage-Woche“ für ihn eine legitime und positive Entwicklung dar.
- Das gedehnte Jetzt Das flüchtige Jetzt sei nicht nur ein trennscharfer Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, sondern werde im Erleben zu einem Feld von mehreren Sekunden ausgedehnt. Besonders die Musik zeige, wie der Geist Vergangenes (verklungene Töne) und Zukünftiges (erwartete Melodie) in einer präsenten Einheit zusammenhält.
- Disziplin und Askese als Befreiung Nicht das treiben lassen, sondern bewusste Selbstüberwindung – etwa das frühe Aufstehen oder der Verzicht auf Luxus – könne paradoxerweise zu intensivem Zeiterleben führen. Marquardt beschreibe die strikte tägliche Schreibroutine für sein Buch rückblickend als „zutiefst beglückende Zeit“, in der er sich der Welt stärker ausgesetzt fühlte.
Einordnung
Das Gespräch lebt von der souveränen Verbindung philosophischer Zeitkonzepte mit autobiografischen Anekdoten. Es gelingt, abstrakte Fragen nach dem Wesen des Augenblicks sinnlich erfahrbar zu machen, etwa durch die Schilderung des Lebens im Ashram oder die gemeinsame Reflexion über die Flüchtigkeit der Musik. Die Episode gewinnt ihre Stärke dort, wo sie von einem bloßen Ratgeber-Duktus abweicht und die Spannung zwischen dem Wunsch nach Entschleunigung und der nötigen Disziplin offen thematisiert. Anstatt Glück als reines Sich-fallen-Lassen zu romantisieren, räumt der Gast ein: „Die meisten Leute, die schreiben und die dicke Bücher schreiben, die können das alle nur, weil sie eine feste Schreibzeit haben.”
Allerdings verbleibt die Diskussion stark im Rahmen einer individuellen Lebenskunst. Die strukturellen Gründe für das Gefühl der Beschleunigung – etwa eine auf Wachstum und Profit ausgerichtete Ökonomie, die von Hartmut Rosa zwar zitiert, aber hier ganz ins Subjektive gewendet wird – treten in den Hintergrund. Dass sich längst nicht jede:r die „Lifestyle-Teilzeit“ oder längere Aschram-Reisen leisten kann, wird zwar kurz mit dem Verweis auf ökonomischen Druck im eigenen Lebenslauf gestreift, jedoch nicht vertieft. Die Antwort, dass Genügsamkeit zu Zeitgewinn führe, klingt plausibel, setzt aber ein materielles und kulturelles Sicherheitsnetz voraus, das unausgesprochen bleibt. Die Art, wie über Zeit gesprochen wird, macht die Gestaltung gelingender Momente primär zu einer Frage des individuellen Willens.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine leichtfüßige, philosophisch informierte Reflexion über das eigene Zeitempfinden suchen und alltagstaugliche Denkanstöße schätzen.
Sprecher:innen
- Yves Bossart – Moderator der Sternstunde Philosophie
- Udo Marquardt – Philosoph und Autor („Zeit und Mensch“), ehemaliger ARD-Redakteur und Gitarrist