In dieser Episode des Podcasts "Die transformative Kraft der Gruppe" spricht Viola Saur mit dem Gruppenanalytiker Prof. Michael Heine über die Besonderheiten gruppentherapeutischer Arbeit. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass das Gruppensetting weniger "künstlich" sei als die Einzeltherapie, da frühere Beziehungserfahrungen durch Anklänge an andere Teilnehmer:innen direkt wiederbelebt würden. Als selbstverständlich wird dabei dargestellt, dass eine wohlwollende Haltung der Leitung dieses Wiederbeleben automatisch in einen konstruktiven Prozess überführe. Die historische Entwicklung der Gruppendynamik wird anhand veränderter Abwehrmechanismen im Umgang mit der NS-Vergangenheit aufgezeigt.

Zentrale Punkte

  • Gruppen als Spiegel früherer Beziehungen Heine argumentiere, Einzeltherapie sei ein künstliches Setting. In der Gruppe würden frühere Beziehungen durch Ähnlichkeiten unweigerlich als Stellvertreter wieder lebendig und somit überhaupt erst greif- und bearbeitbar.

  • Die aktive Rolle der Leitung Heine lehne passives Leitungsverständnis ab. Die Leitung müsse aktiv eine wohlwollende Grundhaltung garantieren, damit Vertrauen entstehe, sich auch vergrabenen und schambehafteten Themen zu öffnen.

  • Wandel im Umgang mit NS-Verstrickungen Heine beobachte einen Wandel: Früher sei die NS-Verstrickung der Väter als "zu nah" abgewehrt worden, heute gelte jene der Großväter als "zu fern". Beides diene dem Ausweichen vor der Aufarbeitung.

Einordnung

Die Episode bietet tiefe Einblicke in die Praxis und Geschichte gruppenanalytischer Settings. Aufschlussreich ist, wie der Umgang mit der NS-Vergangenheit als Abwehrmechanismus in der Gruppe auftaucht. Heine zeige, die Ablehnung einst als "zu nah", heute als "zu fern" begründet werde – „Hauptsache, ich weiche aus, könnte man sagen“. Unhinterfragt bleibt hingegen, dass die Leitungshaltung als alleiniger Garant für Vertrauen dargestellt wird. Machtverhältnisse zwischen Leitung und Teilnehmer:innen und die normierende Wirkung einer geforderten "unerschütterlichen" Haltung werden nicht problematisiert.

Hörempfehlung: Für Therapeut:innen und an Gruppendynamiken Interessierte lohnt sich die Episode wegen der präzisen Beobachtungen zu gesellschaftlichen Verschiebungen in Abwehrmechanismen.

Sprecher:innen

  • Viola Saur – Moderatorin, Therapeutin
  • Prof. Michael Heine – Psychologe, Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker