Im Apokalypse-Presseclub diskutieren drei Korrespondentinnen das von Donald Trump unterzeichnete Memorandum of Understanding mit dem Iran. Im Zentrum steht die Frage, für wen dieses Abkommen ein Sieg sei – und ob es überhaupt zu einem echten Friedensvertrag kommen könne. Durchgehend werde Skepsis geäußert: Das Abkommen sei kein Deal, sondern nur eine Absichtserklärung, die dem Iran eine deutlich bessere Verhandlungsposition verschaffe. Wirtschaftliche Interessen der USA, insbesondere die Öffnung der Straße von Hormus, werden als entscheidende Motivation für Trumps Einlenken dargestellt. Die Hoffnung, dass sich die iranische Bevölkerung nach den Militärschlägen gegen das Regime erheben würde, sei unrealistisch gewesen – die Menschen seien durch vorherige Niederschlagungen von Protesten traumatisiert und die Präsenz der Revolutionsgarden auf den Straßen sei massiv verstärkt worden.

Zentrale Punkte

  • Iran als eigentlicher Sieger Alle drei Korrespondentinnen seien sich einig, dass das iranische Regime gestärkt aus dem Konflikt hervorgehe. Es habe eine nie dagewesene Verhandlungsposition erreicht, während die USA mit der Aufhebung von Sanktionen und Wiederaufbauzahlungen Zugeständnisse machten, ohne dass Iran substanzielle Gegenleistungen erbringen müsse.
  • Krieg als Ablenkungsmanöver Trump habe den Krieg mit Israel als Wahlkampfmanöver begonnen, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Er agiere wie ein autokratischer Führer, der einen großen Schlag brauche, wenn er unter Druck stehe. Sein Verhalten folge einer Logik persönlicher Eitelkeit, nicht strategischer Außenpolitik.
  • Atomare Bedrohung ungelöst Das Memorandum enthalte lediglich Absichtserklärungen zur nuklearen Abrüstung, keine konkreten Verpflichtungen. Die 400 kg hochangereichertes Uran seien weiterhin im Besitz Irans. Die Internationale Atomenergiebehörde habe keinen Zugang zu den Anlagen – Iran mache Verhandlungen von der Erfüllung eigener Forderungen abhängig.
  • Israelische Handlungsfreiheit eingeschränkt Netanyahu habe seine Kriegsziele nicht erreicht und stehe innenpolitisch unter Druck. Das Abkommen verbiete weitere Angriffe im Libanon, was Israel als Schwäche interpretiere. Die Beziehung zwischen Trump und Netanyahu sei extrem angespannt, da Trump israelische Militäraktionen nun als Hindernis betrachte.

Einordnung

Die Episode bietet eine differenzierte, multiperspektivische Analyse, die aus drei unterschiedlichen regionalen Blickwinkeln – Iran, USA, Israel – argumentiert. Die Korrespondentinnen problematisieren erfolgreich die Diskrepanz zwischen Trumps Verkündungsrhetorik und den tatsächlichen Machtverhältnissen. Besonders wertvoll ist die Einordnung von Katharina Willinger, die detailliert beschreibt, wie die Revolutionsgarden als Wirtschaftsmacht von dem Deal profitieren und ihre Repression intensivieren, während die iranische Bevölkerung keine Erleichterung erfährt.

Die Diskussion setzt Wirtschaft als unhinterfragte Handlungslogik voraus: Dass die Öffnung der Straße von Hormus für die USA handlungsleitend sei, wird als selbsterklärend dargestellt, ohne die geopolitischen Konsequenzen dieser Priorisierung für Verbündete wie Israel oder die protestierende Zivilbevölkerung im Iran zu problematisieren. Die Perspektive der iranischen Bevölkerung wird zwar als „leidtragend" benannt, bleibt aber Objekt der Berichterstattung – ihre Handlungsfähigkeit, ihre Strategien des Überlebens oder Widerstands werden nicht thematisiert. Das Gespräch über Iran wird vollständig durch die Linse des Regimes und der Revolutionsgarden geführt.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen kundigen Überblick über die geopolitischen Verschiebungen nach dem iranisch-amerikanischen Konflikt suchen, bietet die Episode eine fundierte Einordnung mit drei regional spezialisierten Stimmen.

Sprecher:innen

  • Markus Feldenkirchen – Host, Spiegel-Redakteur, moderiert den Presseclub
  • Sophie von der Tann – ARD-Korrespondentin in Tel Aviv, Hans-Joachim-Friedrichspreisträgerin
  • Rieke Havertz – ZEIT-Korrespondentin für USA, Co-Host des Podcasts „Okay Amerika"
  • Katharina Willinger – BR-Korrespondentin aus Istanbul, berichtet regelmäßig über Iran