Henry Farrell, ein Politikwissenschaftler an der Johns Hopkins University, stellt in seinem Newsletter gemeinsam mit seinem Co-Autor ein neues Paper vor. Ihr zentrales Argument: Künstliche Intelligenz muss als soziale Technologie verstanden werden, nicht als eine abstrakte, allmächtige Kraft. Sie wenden sich damit gegen eine Denkströmung, die sie als "Singularitäts-Denken" bezeichnen und die mit wilden Gedankenexperimenten die nahe Zukunft prophezeit, anstatt auf Sozialwissenschaft und Geschichte zu setzen. Die Zukunft sei kein sauber gelöstes Gedankenspiel, sondern ein unordentlicher Prozess, der dem heutigen Chaos ähnele und doch ganz anders sei. Das Paper schlägt dafür eine neue intellektuelle Brücke zwischen Informatik, Sozialwissenschaften und Wissenschaftsforschung.

Der konkreteste und politisch brisanteste Vorwurf des Textes ist, dass diese spekulative KI-Denkweise direkt das Projekt "DOGE" unter Elon Musk befeuert hat. AGI-zentrierte Darstellungen, so das Papier, begreifen Bürokratie einzig als Problem zentraler Koordination, bei dem untere Ebenen die Befehle der Spitze nicht korrekt umsetzen. Der Text zitiert die Autoren dazu direkt: "Spekulative Argumente über AGI halfen, Elon Musks DOGE-Projekt zu inspirieren, das darauf abzielte, weite Teile der amerikanischen Verwaltungsmaschinerie kurzzuschlagen." Farrell betont zwar, dass es viele Gründe für die Zerstörungswut der Trump-Regierung gebe, doch die Logik sei verlockend einfach: Wenn die Pflicht der Bürokratie in der Umsetzung des Führerwillens besteht und eine Super-KI kurz bevorsteht, erscheint letztere als göttliche Vorsehung, um ersteres zu erreichen.

Besonders aufschlussreich ist die nachgeschobene Unterscheidung zwischen der DOGE-Philosophie und dem scheinbar ähnlichen Vorhaben, eine effektivere Verwaltung zu schaffen. Die Differenz liegt in der fundamentalen Frage: Wem soll der Staat dienen? DOGE und die dahinterstehende KI-Ideologie, so Farrell, zielen auf eine Verwaltung, die primär der politischen Spitze bedingungslos gehorcht. Der Einsatz von KI und großen Sprachmodellen (LLMs) wird als Werkzeug gesehen, einen "maschinellen Moloch" zu erschaffen, der jeden Widerstand eines vermeintlichen "Deep State" bricht. In diesem Weltbild gibt es eine bemerkenswerte, aber in Kauf genommene Konsequenz: Dieselbe Technologie, die Trump nutzt, um Saboteure im mittleren Management auszuschalten, befähigt auch die Kommunistische Partei Chinas, einen perfekten, maschinellen Apparatschik zu bauen, der die eigene Bevölkerung entmenschlicht.

Dem steht das diametral entgegengesetzte Leitbild einer "effektiven Regierungsbürokratie" gegenüber. Hier geht es nicht um die Subjugation der Verwaltung, sondern um die Stärkung ihrer Autonomie. Ziel ist es, Bürokrat:innen von erstickenden Top-Down-Mandaten zu befreien und ihnen die Mittel zu geben, flexibel auf offensichtliche Notwendigkeiten und die Anliegen der Bürger:innen zu reagieren. Statt blinder Befehlsausführung geht es um Vertrauen, bessere Rückkopplungsschleifen zwischen oben und unten sowie eine verstärkte Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Farrell und sein Co-Autor vermuten hier eine historische Parallele: Ihre Analyse ähnelt wohl dem Unterschied zwischen der programmatischen, alles kontrollierenden sowjetischen Kybernetik und der auf Autonomie setzenden Management-Kybernetik eines Stafford Beer – zwei radikal verschiedene Ansätze, die nur aufgrund gemeinsamer Begrifflichkeiten in einen Topf geworfen werden.

Einordnung

Die Analyse besticht durch ihre klare Demontage eines technologischen Determinismus, der sich gefährlich mit autoritärer Politik paart. Farrell macht überzeugend sichtbar, wie esoterisch anmutende Tech-Debatten direkte materielle Folgen für demokratische Institutionen haben. Dabei ist das Papier jedoch selbst nicht frei von Auslassungen. Der Fokus auf die "neo-reaktionären" Ideen eines Nick Land ist wichtig, doch der Hinweis, dass zentrale Akteure wie Russell Vought diese Online-Manifeste vermutlich nie gelesen haben, schränkt die Kausalität sogleich wieder ein. Hier wird eine klare geistige Ahnenreihe behauptet, deren tatsächliche Wirkmacht innerhalb der Regierung aber im Vagen bleibt. Fraglich ist, ob die komplexe Theorie der DOGE-Ideologie hier nicht intellektuell mehr Kohärenz zuschreibt, als es die zynische Machtpolitik ihrer Umsetzung hergibt.

Die Stärke des Textes liegt im Anbieten einer linken wie auch zentristischen Alternative, der "effective bureaucracy". Diese bleibt jedoch auffallend vage. Sie wirft die dringende Frage auf, wem die Verwaltung verpflichtet sein soll, doch das "offensichtlich Richtige" für Bürger:innen zu tun, setzt einen gesellschaftlichen Konsens voraus, den es in polarisierten Zeiten nicht gibt. Der Newsletter ist essenziell für Leser:innen, die die gefährliche Verquickung von antidemokratischer Politik und technologischen Heilsversprechen verstehen wollen. Wer jedoch konkrete Lösungen für eine demokratische digitale Verwaltung erwartet, wird hier nur den Auftakt zu einer dringend nötigen Debatte finden.