Diese Episode feiert das zehnjährige Jubiläum von *Übermedien*, einem werbefreien Online-Magazin für Medienkritik, das ausschließlich durch Abonnements finanziert wird. Im lockeren Gespräch zwischen Holger Klein, Boris Rosenkranz (Mitgründer) und Annika Schneider (Redakteurin) wird die Entstehung, Entwicklung und Zukunft des Projekts reflektiert. Dabei wird deutlich, dass das Modell der Community-Finanzierung nicht nur Unabhängigkeit ermöglicht, sondern auch eine besondere Nähe zum Publikum schafft. Gleichzeitig wird diskutiert, warum Medienkritik in Deutschland zu wenig sichtbar ist – und warum sie dringend mehr Ressourcen und Reichweite bräuchte, um ihre gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird dabei, dass Medienkritik ein notwendiger Teil des Journalismus sei, der jedoch oft an strukturellen Hürden wie mangelnder Finanzierung oder interner Beißhemmungen scheitere. ### Zentrale Punkte * **Gründung aus Medienmanipulation** Rosenkranz und Mitgründer Stefan Niggemeier hätten *Übermedien* als Reaktion auf eine ZDF-Sendung gegründet, in der Wahlergebnisse manipuliert worden seien. Die Aufdeckung dieser Praxis habe nicht nur den Unterhaltungschef des Senders seinen Posten gekostet, sondern auch gezeigt, dass Medienkritik konkrete Folgen haben könne – und dass es ein unabhängiges Format dafür brauche. * **Community-Finanzierung als Erfolgsmodell** Das Magazin habe sich bewusst gegen Investoren, Werbung oder staatliche Gelder entschieden, um maximale Unabhängigkeit zu wahren. Statt auf Crowdfunding vor dem Start zu setzen, seien bereits fertige Artikel veröffentlicht worden, um Leser:innen von der Qualität zu überzeugen. Mit rund 7.000 Abonnent:innen sei das Projekt heute wirtschaftlich stabil – und ermögliche Planungssicherheit ohne Einzelverkäufe oder externe Einflussnahme. * **Medienkritik zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit** Schneider und Rosenkranz betonten, dass Medienkritik oft zu trocken und branchenintern formuliert sei. *Übermedien* versuche, komplexe Themen wie Desinformation oder politische Kampagnen so aufzubereiten, dass sie auch für Nicht-Journalist:innen verständlich und relevant seien. Gleichzeitig räumten sie ein, dass aktuelle Krisenthemen wie Kriege oder rechtspopulistische Narrative wenig Raum für Unterhaltsamkeit ließen – und dass Geschwindigkeit oft auf Kosten von Sorgfalt gehe. * **Systemische Lücken und blinde Flecken** Die Diskussion habe gezeigt, dass selbst große Medienhäuser wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk kaum interne Medienkritik leisteten. Gründe seien mangelnde Zeit, Beißhemmungen oder schlicht fehlender Wille, eigene Fehler öffentlich zu thematisieren. *Übermedien* sehe sich zwar als Teil des journalistischen Systems, aber auch als notwendige Ergänzung, die Themen aufgreife, die anderswo durchs Raster fielen – etwa YouTube-Phänomene oder rassistische Umfrageberichterstattung. ### Einordnung Die Episode bietet einen seltenen Einblick in die Praxis eines unabhängigen Medienmagazins – und zeigt, wie *Übermedien* mit begrenzten Mitteln journalistische Standards hochhält. Besonders stark ist die Reflexion über die eigene Rolle: Die Gäste benennen selbstkritisch, wo das Magazin an Grenzen stößt (z. B. bei der Diversität der Themen oder der Reichweite), und diskutieren offen, warum Medienkritik oft wirkungslos bleibt. Die Community-Finanzierung wird dabei nicht romantisiert, sondern als pragmatische Lösung präsentiert, die sowohl Unabhängigkeit als auch Nähe zum Publikum ermöglicht. Problematisch bleibt jedoch die Selbstbezogenheit des Gesprächs: Es fehlt eine breitere Perspektive auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Medienkritik – etwa die Frage, warum sie trotz ihrer Bedeutung kaum institutionelle Förderung erhält oder wie sie jenseits von Nischenpublikum wirken kann. Auch wird nicht thematisiert, dass *Übermedien* selbst Teil einer journalistischen Blase ist, die vor allem von Medieninteressierten gelesen wird. Die Episode bleibt damit vor allem für Insider:innen spannend – und verpasst die Chance, Medienkritik als gesamtgesellschaftliches Projekt zu verhandeln. **Hörempfehlung**: Für alle, die verstehen wollen, wie unabhängiger Journalismus funktioniert – und warum Medienkritik mehr braucht als gute Absichten. Besonders lohnend für Medienmacher:innen und jene, die sich für die Zukunft des Journalismus interessieren. ### Sprecher:innen * **Holger Klein** – Moderator, stellt Fragen zur Entwicklung von *Übermedien* * **Boris Rosenkranz** – Mitgründer von *Übermedien*, reflektiert Gründung und Erfolgsmodell * **Annika Schneider** – Redakteurin bei *Übermedien*, spricht über strukturelle Probleme des Journalismus