Tom Strohschneider, ehemaliger Chefredakteur des „nd“ und langjähriger Bundestagsmitarbeiter der Linkspartei, liefert in diesem Newsletter eine ausführliche Materialsammlung zur aktuellen „F-Debatte“. Es geht um die Frage, ob und wie der Begriff Faschismus auf gegenwärtige rechte und autoritäre Entwicklungen angewendet werden sollte. Strohschneider positioniert sich bewusst nicht eindeutig, sondern trägt Stimmen aus linken Medien und Theoriezusammenhängen zusammen. Die Auswahl reicht von Jason Stanley über Robert Misik, Georg Seeßlen und Sven Reichardt bis zu Alberto Toscano, Georg Fülberth und Eva von Redecker. Der Text funktioniert wie ein Überblick über den Stand einer Diskussion, die in Zeitschriften wie „Freitag“, „Blätter“, „Jacobin“, „konkret“, „junge Welt“ und „Soziopolis“ geführt wird.

Ein zentraler Strang ist die Frage nach den Ursachen für den Aufstieg der radikalen Rechten. Jannis Köster argumentiert in „Jacobin“, dass kulturelle und identitätspolitische Erklärungen zu kurz griffen. Der neoliberale Staat erzeuge Ohnmacht, und diese Ohnmacht sei „der Rohstoff, aus dem Faschismus gemacht wird“. Rechtsradikale übersetzten strukturelle Ohnmacht in ein Identitäts- und Souveränitätsangebot. Robert Misik wiederum beschreibt Faschismus mit Robert O. Paxton weniger als Ideologie denn als „sozialen Prozess“, als ansteckende Mischung aus Angst, Neid, Ressentiment und Erlösungssehnsucht. Jason Stanley betont die Bedeutung von Geschichts- und Bildungspolitik und empfiehlt ein „bürgerliches Mitgefühl“, das die Perspektive anderer Gruppen einbezieht.

Besonders kontrovers wird die Frage verhandelt, ob der Faschismusbegriff analytisch noch trägt. Sven Reichardt spricht von „Postfaschismus“ und sieht ähnliche Gelegenheitsfenster wie nach dem Ersten Weltkrieg, etwa gesellschaftliche Fragmentierung, Geschlechterkonflikte und den Umbau des Mediensystems. Alberto Toscano kritisiert eine liberale Checklisten-Logik und will stattdessen Kontinuitäten zwischen Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus stärker beachten. Georg Fülberth unterscheidet zwischen Faschismus als Staatsform und aktueller Plutokratie. Für ihn ist die gegenwärtige Aushöhlung der Demokratie noch kein Faschismus, aber der Kampf gegen die Plutokratie sei dennoch antifaschistisch, weil kapitalistische Eliten historisch bereit gewesen seien, Gewalt für einen Systemwechsel einzusetzen.

Emanuel Kapfinger hält dagegen Begriffe wie „Postfaschismus“ oder „demokratischer Faschismus“ für analytisch teuer, weil sie den Faschismusbegriff als Werkzeug für die Analyse offen terroristischer Diktaturen aufgäben. Besser sei der Autoritarismusbegriff, der mit Adorno als „konformistische Rebellion“ verstanden werden könne. Céline Teney zeigt anhand der AfD-Wählerschaft, dass diese keineswegs homogen ist, sondern sich in „konservative Hardliner“, „radikal-rechte Autoritäre“ und „moderate Konservative“ aufteilt. Eva von Redecker mahnt begriffliche Abstraktion an, da historische Analogien wie Schwarzhemden oder industrieller Massenmord in Zeiten von KI und Palantir-Software nicht einfach übertragbar seien.

Im „Jacobin“-Gespräch plädieren Dylan Riley und Carolin Amlinger für die Kategorie der „autoritären Demokratie“: Die extreme Rechte berufe sich auf die Demokratie, spreche für das „wahre Volk“ und höhle liberale Institutionen aus, statt sie abzuschaffen. Richard Seymour beschreibt die radikale Rechte als Symptom zerstörter Sittlichkeit und als hochgradig volatile, sozialmedial getriebene Politik ohne kohärente politische Ökonomie. Margit Mayer wiederum benennt mit Reichtumskonzentration, Kriegsvorbereitungen und dem Abbau demokratischer Rechte konkrete Indikatoren für Faschisierungstendenzen, die der Staat selbst vorantreibe.

Einordnung

Der Newsletter ist eine klassische linke Diskurskartografie: informiert, dicht und weitgehend fair gegenüber unterschiedlichen Positionen. Strohschneider macht jedoch früh eine bezeichnende Einschränkung – er fragt, ob Materialsammlungen öffentlich gemacht werden sollten, und tut es dann trotzdem. Diese Geste wirkt kokett, als wolle er sich der Verantwortung für Auswahl und Gewichtung entziehen. Die Auswahl ist klar auf linke und linksliberale Stimmen begrenzt; konservative, liberale oder rechte Positionen kommen nicht vor. Das ist kein Mangel an sich, sollte aber als Perspektivverengung benannt werden.

Unausgesprochen bleibt die Annahme, dass eine präzise Begriffsbestimmung politisch entscheidend sei. Ob „Faschismus“, „Autoritarismus“ oder „Postfaschismus“ – alle diskutierten Konzepte kreisen um Diagnosen, nicht um Strategien. Auffällig ist die wiederkehrende wirtschaftsdeterministische Tendenz, die von Ohnmacht, Kapitalinteressen und Plutokratie ausgeht, während Eigenlogiken von Rassismus, Antifeminismus oder Verschwörungsdenken oft nur abgeleitet erscheinen. Zudem schwingt eine gewisse Selbstgewissheit mit, wonach die liberale Demokratie ohnehin mit Kapitalinteressen verschmolzen sei.

Für Leser:innen, die sich in der linken Theorielandschaft auskennen, ist der Newsletter eine nützliche, kompakte Bestandsaufnahme. Für alle anderen könnte er als Fachdebatte wirken, die viel Energie in Begriffe steckt, aber wenig Antworten auf die Frage liefert, was politisch zu tun ist. Wer sich schnell orientieren will, findet hier einen dichten Überblick; wer konkrete Handlungsoptionen sucht, wird enttäuscht.