Markus Somm und Dominik Feusi sprechen mit dem Karikaturisten Jürg Kühni, der den Wettbewerb des "Nebelspalters" gewonnen hat. Anlass ist seine Zeichnung, die einen Bergsturz im Lötschental mit einer Lawine aus EU-Gesetzespapieren kombiniert, die eine Schweizerfahne verschüttet. Das Gespräch kreist um die handwerklichen und politischen Voraussetzungen dieser Arbeit.

Die Runde verhandelt die Karikatur als eine vom Aussterben bedrohte, aber wirkungsmächtige journalistische Form. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die EU eine bürokratische Bedrohung für die Schweiz darstelle und dass es im deutschsprachigen Raum eine "linke" Medienhegemonie gebe, gegen die man sich als "nicht-linker" Künstler positionieren müsse. Die eigene politische Haltung wird dabei als mutige Gegenstimme in einem ansonsten gleichgeschalteten Umfeld inszeniert.

Zentrale Punkte

  • Handwerk ist Reduktion Gute Karikatur bedeute, komplexe Geschichten in einem Bild zuzuspitzen. Kühni erkläre, man brauche Lebenserfahrung, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen; die Kunst liege im Weglassen. Ein starkes Bild finde er, indem er bekannte Bildsprache – etwa Fotos vom Bergsturz – mit neuen politischen Kontexten auflade.
  • Niedergang und Hoffnung der Zunft Die Plattformen für Karikaturist:innen seien drastisch geschrumpft. Die "Bilderflut" des Internets und KI machten das Überleben schwer. Kühni sehe jedoch eine Nische: Gerade in der Masse hebe sich die Handzeichnung ab. KI möge technisch perfekt sein, doch eine wirkliche Pointe – das zentrale Element – könne sie nicht erzeugen.
  • Karikatur als meinungsstarker Kommentar Die Zeichnung sei die "stärkste und wirkungsvollste Art von einem Kommentar", da sie sofort begriffen werde. Kühni sehe seine Arbeit explizit als Kundgabe seiner "Gegenstimmung", insbesondere zur EU. Die Haltung des Zeichners sei dabei kein Makel, sondern legitim und notwendig. Wer eine andere Meinung habe, müsse den "Mut" haben, in einem Medium wie dem "Nebelspalter" zu publizieren.

Einordnung

Das Gespräch gewährt authentische Einblicke in den Schaffensprozess eines politischen Karikaturisten. Die handwerklichen Ausführungen zum Verdichten von Information und zur Arbeit mit Bildsprache sind nachvollziehbar und erhellend. Die Episode lebt von der spürbaren Leidenschaft Kühnis für sein Metier und der offensichtlichen Wertschätzung der Gastgeber.

Allerdings bleibt die Diskussion in einer selbstbestätigenden Blase. Die Prämisse, dass die EU und die politische Linke eine Bedrohung darstellten, wird als gegebener Fakt behandelt und nie mit Gegenargumenten konfrontiert. Die pauschale Behauptung, linke Bildungsreformen führten zum "absoluten Ruin von unserer Volksschule", steht unwidersprochen im Raum. Kritisch ist die sprachliche Rahmung: Kolleg:innen, die nicht für den "Nebelspalter" zeichnen wollen, werden als "Feiglinge" bezeichnet, die ihre Meinung nicht in der "Höhle des Löwen" vertreten. Diese Semantik inszeniert das eigene Medium nicht nur als politisch alternativ, sondern als bedrohliches, aber zu eroberndes Terrain.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie politische Karikatur handwerklich entsteht und wie ein zeichnerischer Kommentar pointiert zugespitzt wird, ist das Gespräch aufschlussreich – eine kritische Distanz zur politischen Selbstverortung der Runde ist dabei hilfreich.

Sprecher:innen

  • Markus Somm – Moderator und Chefredaktor des Nebelspalters
  • Dominik Feusi – Moderator
  • Jürg Kühni – Karikaturist, Gewinner des Nebelspalter-Wettbewerbs