In dieser Spezialausgabe sprechen die F.A.Z.-Wirtschaftskorrespondent:innen Christian Müßgens und Corinna Budras über die Hintergründe ihrer investigativen Podcast-Serie „Die VW Story“. Moderator Andreas Krobock befragt die beiden zu den journalistischen Entscheidungen, den emotionalsten Recherchemomenten und der politischen Dimension des Niedergangs von Volkswagen. Die Krise des Konzerns wird dabei durchgängig als eine Art nationales Drama verhandelt, in dem es nicht nur um ökonomische Kennziffern, sondern um die „deutsche Seele“ und die Stabilität ganzer Regionen gehe. Die beiden Hosts stellen ihre eigene journalistische Distanz heraus, machen aber deutlich, dass eine Rettung des Konzerns in ihrem persönlichen Interesse liege, da sie dem ganzen Land zugutekomme.
Zentrale Punkte
- Schicksalsjahr für den Konzern Der Zeitpunkt der Recherche sei bewusst gewählt worden, da VW vor einem „Schicksalsjahr“ stehe. Trotz eines Umsatzes von über 320 Milliarden Euro sei die Rendite auf unter 3 Prozent eingebrochen. Ohne drastisches Umsteuern und Gegenmaßnahmen habe das Unternehmen aufgrund des riesigen Finanzierungsdrucks am Kapitalmarkt und einer erodierenden Ertragskraft keine Chance mehr.
- Angst und politisches Kalkül In den Fabriken herrsche so große Zukunftsangst, dass Beschäftigte ihre privaten Investitionen stoppten. Die Arbeitgeberseite halte weitere Fabrik-Einschnitte für unausweichlich. Diese Entscheidungen würden jedoch bewusst zurückgehalten, da sie die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt beeinflussen könnten und VW historisch eng mit der politischen Stabilität verwoben sei.
- Licht und Schatten der Geschichte Trotz der düsteren Aussichten gebe es auch positive Entwicklungen. Eine Managerin in den USA habe als Reaktion auf die Nazi-Historie von VW gezögert, dort zu arbeiten, sei heute jedoch stolz auf den aus dem Dieselskandal hervorgegangenen, profitablen Ladesäulen-Betreiber des Konzerns. Diese Episode stehe sinnbildlich für die Ambivalenz des Unternehmens.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen authentischen Einblick in die redaktionelle Entstehung einer großen Wirtschaftsreportage und vermittelt stark über persönliche Anekdoten, wie Journalismus jenseits der täglichen Nachrichtenlage funktioniert. Die Schilderung der monatelangen Arbeit und die Einbindung verschiedenster Akteur:innen vom Betriebsrat bis zur US-Managerin demonstrieren den Anspruch, ein multidimensionales Bild zu zeichnen. Besonders reflektiert wirkt die selbstkritische Einordnung, dass eine derart langfristig produzierte Doku-Serie zwangsläufig nicht die allerneuesten Quartalszahlen abbilden kann.
Die Einordnung des Konzerns als essenzielles Stück der „deutschen Seele“ ist eine starke diskursive Setzung, die VW aus der rein wirtschaftlichen Sphäre heraushebt und eine nationale Erzählung konstruiert. In dieser Rahmung erscheint das Überleben des Unternehmens fast alternativlos. Die wiederholte Betonung der eigenen Autofreiheit der Hosts – beide besitzen keinen VW – dient interessanterweise als Beweis der notwendigen journalistischen Distanz zum emotional aufgeladenen Gegenstand. Eine systematische Analyse, inwiefern das Management selbst durch strategische Fehler in China oder langsame Digitalisierung zur Krise beigetragen hat, bleibt im Gespräch hinter der atmosphärisch dichten Beschreibung der Angst in den Werken und den externen Marktzwängen zurück. Die Perspektive des Kapitalmarkts wird zwar referiert, die der Beschäftigten emotional aufgegriffen, die strukturelle Verantwortung des Managements aber kaum im Detail verhandelt. Als Werkschau für Macher:innen eines aufwändigen Rechercheprojekts ist die Folge für Medieninteressierte und Wirtschaftsjournalist:innen spannend – eine abschließende Bewertung der Lage durch die Hosts wird hier jedoch mit einer so großen existenziellen Wucht vorgetragen, dass das kritische Nachfragen des Moderators („Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“) fast untergeht.