Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman wendet sich gegen das populäre Narrativ vom wirtschaftlichen Abstieg Europas. Ausgangspunkt ist die verbreitete Ansicht, Europa hänge weit hinter den USA zurück – befeuert von US-Politikern wie Handelsminister Lutnick oder Artikeln, die französische Lebensstandards mit denen Alabamas gleichsetzen. Krugman hält dieses „Trash Talk“ für irreführend. Zwar sei das Pro-Kopf-BIP in Frankreich und Italien tatsächlich niedriger, doch ein reiner BIP-Vergleich unterschlage Entscheidendes.

Er argumentiert, dass die Produktivität – also die Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde – in Deutschland mit fast 97 % und in Frankreich ähnlich hoch nahe am US-Niveau liegt. Die Lücke beim Pro-Kopf-BIP erklärt sich vielmehr daraus, dass Europäer:innen deutlich weniger Stunden arbeiten und mehr Urlaub nehmen. Anders als arme US-Staaten wie Alabama, deren Rückstand auf geringer Produktivität beruht, sei Europas „Rückstand“ eine bewusste Entscheidung für mehr Freizeit: „Europe is simply not poor the way Mississippi is poor.“ Auch die These, Europa falle kontinuierlich zurück, weist Krugman zurück. Zwar sei das inflationsbereinigte BIP-Wachstum der USA höher, doch das sei fast ausschließlich auf den Technologiesektor konzentriert. Die Früchte dieses Fortschritts kämen über niedrigere Preise und globale Nutzung allen zugute, sodass der gemessene Wachstumsvorteil kaum zu einem höheren Lebensstandard in den USA führe. Europa halte daher beim kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-BIP seit 25 Jahren mit.

„Lower European GDP per capita can be viewed largely not as a problem but as a choice“, lautet sein Fazit. Statt eines Museums vergangener Glorie sei Europa eine wirtschaftliche Supermacht, die geopolitisch nur unter ihren Möglichkeiten bleibe – vor allem wegen innerer Zerrissenheit und „erlernter Hilflosigkeit“ nach jahrzehntelanger Sicherheitsabhängigkeit von den USA.

Einordnung

Krugmans Analyse liefert eine nötige Gegenperspektive zum oft schrillen US-Triumphalismus. Indem er Produktivität und Arbeitszeit entkoppelt, entlarvt er den simplen BIP-Vergleich als irreführend. Allerdings blendet er die im Draghi-Bericht benannte Innovationslücke weitgehend aus: Europas Abhängigkeit von US- und chinesischer Technologie bleibt ein strukturelles Risiko. Die These, Fortschritt im Tech-Sektor komme allen gleichermaßen zugute, setzt funktionierenden Wettbewerb voraus und unterschätzt mögliche Machtkonzentration. Das Argument, Europa falle nicht zurück, stützt sich stark auf einen einzigen Indikator – kaufkraftbereinigtes BIP pro Kopf – und ignoriert andere Aspekte wie Vermögensungleichheit oder zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Geopolitische Schwächen werden zwar benannt, aber nicht vertieft.

Lesenswert ist der Newsletter für alle, die eine faktenbasierte Entkräftung des europäischen Niedergangsdiskurses suchen und verstehen wollen, warum die reine Wachstumsstatistik trügt. Eine Einladung, europäische Stärken selbstbewusster zu sehen – mit dem Bewusstsein, dass Krugmans eigener Fokus auf kurzfristigen Lebensstandards die langen Schatten strategischer Abhängigkeiten nur streift.