In dieser Episode von coloRadio spricht Jenz Steiner mit Michael Nattke, einem der Herausgeber des Buches „Die AfD im Osten". Das Gespräch kreist um die Frage, was die AfD für Wähler:innen in Ostdeutschland so attraktiv mache und wie eine demokratische Gegenstrategie aussehen könne. Eine zentrale Annahme, die im Gespräch gesetzt wird, ist, dass demokratische Politik primär ein Problem fehlender positiver Zukunftsbilder und eines verwaltenden Modus habe. Der Aufstieg der AfD wird als Puzzle verschiedener Ursachen verhandelt, wobei die Diskussion eine klare Grenze zwischen seriöser Analyse und pauschalisierender Kritik zieht.
Zentrale Punkte
- Fehlende positive Vision demokratischer Parteien Demokratische Politik habe in den letzten Jahren nur Zustände verwaltet und Sparzwänge kommuniziert. Sie biete keine Idee, wie Gesellschaft in zehn Jahren besser funktionieren könne, und könne deshalb nur wenige Menschen für sich gewinnen.
- Strukturierte Länderschau als neuer Ansatz Das Buch analysiere erstmals systematisch jedes ostdeutsche Bundesland einzeln. Es sei wichtig, bei der AfD-Kritik begrifflich genau zu sein. Pauschal die AfD als „völkisch" zu bezeichnen, mache die Kritik angreifbar, da der Partei auf Programmebene der rassistische Kern der völkischen Ideologie fehle.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine zugängliche Einführung in einen komplexen wissenschaftlichen Sammelband. Eine Stärke liegt darin, dass Nattke auf die Notwendigkeit präziser Begriffe pocht, besonders in der Abgrenzung von analytischer Kritik und politischer Zuspitzung. Die produktive Zusammenarbeit zwischen einem konservativen Politikwissenschaftler und einem progressiven zivilgesellschaftlichen Verein wird überzeugend als Modell für demokratische Bündnisse jenseits von Grabenkämpfen dargestellt.
Kritisch bleibt, dass die Analyse auf der Ebene des politischen Angebots verharrt. Die Prämisse, dass fehlende positive Visionen demokratischer Parteien das zentrale Defizit seien, stellt die Funktion von Politik eindimensional dar und blendet aus, dass rechte Wahlerfolge auch mit materieller Verschlechterung in Folge konkreter politischer Entscheidungen zu tun haben könnten. Die Übernahme rechter Diskurse durch etablierte Parteien – im Osten wie im Westen – wird nur kurz angerissen und nicht vertieft.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die einen kurzen Einblick in den Forschungsstand zur AfD im Osten suchen und verstehen wollen, warum differenzierte Kritik strategisch sinnvoll ist.
Sprecher:innen
- Jenz Steiner – Moderator, coloRadio Dresden
- Michael Nattke – Mitherausgeber, Kulturbüro Sachsen e.V.