In dieser Abschiedsfolge von The Take spricht die Moderatorin Malika Bilal mit dem Journalisten Akbar Shahid Ahmed über sein Buch „Crossing the Red Line". Das Gespräch dreht sich darum, wie die US-Regierung unter Joe Biden ihre Israel-Politik nach dem 7. Oktober 2023 gestaltete. Grundlage sind Ahmeds Recherchen mit über 150 meist anonymen Quellen aus dem Regierungsapparat. Im Zentrum steht die Frage, warum die Administration trotz interner Kritik, öffentlicher roter Linien und wachsender ziviler Opferzahlen nie grundlegend vom Kurs der bedingungslosen Unterstützung Israels abwich. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei das Verständnis von US-Außenpolitik als einem geschlossenen, von Karrieredenken und persönlichen Loyalitäten geprägten System, in dem humanitäre Erwägungen stets hinter strategischen und innenpolitischen Kalkülen zurückstehen.

Zentrale Punkte

  • Isolierte Macht in Bidens Zirkel Die Schlüsselentscheidungen seien von einem sehr engen Kreis älterer, weißer Männer getroffen worden. Biden selbst sei zwar die treibende Kraft, aber isoliert und beratungsresistent gewesen, während seine engsten Berater:innen wie Jake Sullivan, Brett McGurk und Tony Blinken entweder in Details versunken seien oder erkannte Fehler aus Karrieregründen nicht korrigiert hätten.
  • Dissent als bloße Ventilsitzung Früher und breiter Widerspruch aus dem eigenen Regierungsapparat sei nicht als inhaltliche Kritik, sondern als Identitätsfrage behandelt worden. Die Reaktion der Führung habe darin bestanden, Gesprächsrunden für verschiedene Gruppen anzubieten, was Quellen als reines „Abhaken" betrachtet hätten, gefolgt von der Erwartung, zu schweigen und mitzumachen.
  • Die ausgehöhlte rote Linie Der öffentlich angekündigte Stopp für eine Rafah-Offensive sei zum Symbol einer Politik geworden, die bereits viele andere rote Linien überschritten hatte. Der Schlüsselmoment sei nicht die Invasion selbst gewesen, sondern die anschließende Übernahme des israelischen Narrativs durch die USA, die jedes Druckmittel als wirkungslos entlarvt habe.

Einordnung

Die Episode gewinnt ihre Stärke aus der dichten Beschreibung bürokratischer Entscheidungsprozesse. Ahmed zeichnet das Bild einer abgeschotteten Führungsriege, deren persönliche Überzeugungen und Karriereängste eine Kurskorrektur systematisch verhindert hätten. Diese Innensicht auf die Mechanismen der Macht, gestützt auf zahlreiche, wenn auch anonyme Quellen, macht die politischen Blockaden nachvollziehbar und liefert Substanz über bloße Empörung hinaus. Die Moderatorin hakt kritisch nach und verleiht den berichteten Abläufen so eine nachvollziehbare, fast dokumentarische Struktur.

Kritisch bleibt, dass die komplexe geopolitische Lage fast ausschließlich aus der Perspektive der internen US-Kritiker:innen rekonstruiert wird. Andere Sichtweisen, etwa das vollständige strategische Kalkül der Entscheidungsträger jenseits von persönlicher Schwäche, werden nur angedeutet und als Ausflüchte dargestellt. Der Rahmen des Gesprächs setzt stillschweigend voraus, dass effektiver Druck der USA alternativlos und konfliktentscheidend gewesen wäre, ohne dies an Gegenbeispielen zu messen. Das titelgebende Bild des Überschreitens einer „roten Linie" wird so zu einer schlüssigen, aber in sich geschlossenen Erzählung. Ein prägnantes Zitat von Ahmed illustriert diesen Blickwinkel: „Zu mir wurde klar, was das Ganze kristallisierte, war das Versagen, auch nur ein Kriegsverbrechen oder einen Verstoß gegen internationales US-Recht anzuerkennen. Nur ein einziges." Es zeigt die zentrale argumentative Linie, die politisches Handeln primär als moralisches Versagen einordnet.

Hörempfehlung: Eine lohnende Folge für alle, die verstehen wollen, wie sich das Scheitern der Gaza-Politik tief in den inneren Machtzirkeln Washingtons anfühlte und welche Lehren daraus für die Zukunft der Demokratischen Partei gezogen werden.

Sprecher:innen

  • Malika Bilal – Moderatorin von The Take, Al Jazeera, in ihrer Abschiedsfolge
  • Akbar Shahid Ahmed – Autor des Buches „Crossing the Red Line", langjähriger Diplomatiekorrespondent